| Alexander Müller |
| 02.10.2026 11:00 Uhr |
Mit Berlins Kammerpräsidentin und ABDA-Vize Ina Lucas diskutierten Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin, Christiane Wessel (links), Vorstandsvize der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KVB), und Susanne Hertzer (2. v. r.), Leiterin der TK-Landesvertretung Berlin/Brandenburg. / © Sandra Schneider/Spreekind-Fotografie
Mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) wurden neue pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) eingeführt und der Handlungsspielraum der Apotheken ausgeweitet. In der Primärversorgung und Prävention sollen sie eine stärkere Rolle übernehmen, die Frage der »Patientensteuerung« hat die Politik aber bislang noch nicht gelöst.
Weil die Ärzteschaft empfindlich auf das Positionspapier der ABDA zur zukünftigen Rolle der Apotheke in der Primärversorgung reagiert hat und seit dieser Woche sogar eine Art Anti-Apotheken-Impfkampagne startet, sucht die Apothekerkammer Berlin den direkten Austausch. Die Diskussionsrunde am Donnerstagabend widmete sich der Frage, ob die ambulante Versorgung in Berlin von »Ärzt:innen und Apotheker:innen Hand in Hand« gelingen kann.
Mit Berlins Kammerpräsidentin und ABDA-Vize Ina Lucas diskutierten Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin, Christiane Wessel, Vorstandsvize der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KVB), und Susanne Hertzer, Leiterin der TK-Landesvertretung Berlin/Brandenburg.
Als größte Herausforderung in der ambulanten Versorgung in der Hauptstadt macht Bobbert die Terminvergabe und Terminvereinbarung aus. Seine Kollegin Wessel nimmt eine »extreme Anspruchshaltung von Patienten« wahr, will das aber nicht als »Patientenbashing« verstanden wissen. Die niedergelassene Gynäkologin vertritt die Ansicht, dass der erste Kontakt »nicht zwingend ärztlich sein muss«. Ob Physician Assistants oder Apotheken – auf die richtige Ausbildung komme es an. »Diese Fragen müssten gelöst sein, bevor man das System umstellt.«
Hertzer macht deutlich, worauf es für die Krankenkassen ankommt: pDL müssten »fallabschließend« sein, einen Benefit bringen, qualitativen Standards entsprechen und dürften nicht mehr kosten als die Versorgung auf anderem Weg. In der Vergangenheit habe es zwar erfolgreiche Modellversuche gegeben, aber die Zahlen, etwa bei Impfungen in Apotheken, seien noch nicht auf der erwarteten Höhe. Ihr Appell an die Heilberufe: »Es geht nur gemeinsam.« Denn schließlich stünden auch die Drogerieketten bereit.
Irgendwelche Boxen bei dm seien einfach zu installieren, wandte Bobbert ein. »Aber damit verlieren wir sofort alle Vorteile unseres Gesundheitswesens. Und dazu gehört eben, dass Ärzte kein Gewerbe treiben.« Und Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) habe beim Apothekertag von Kundinnen und Kunden gesprochen, beim jetzt anstehenden Ärztetag werde er von Patientinnen und Patienten sprechen. »Das ist keine Wertung, das ist real«, so Bobbert.
In der Diskussionsrunde betonte er mehrfach, wie zentral für ihn die klare Aufteilung der Zuständigkeiten ist. Die Trennung zwischen den Heilberufen aufzubrechen, klinge zunächst gut, schaffe aber langfristig Probleme. Auch sieht der Kammerpräsident keinen großen Mehrwert in den Leistungen der Apotheken.
Auch KV-Vize Wessel würde sich mehr Nachweise dafür wünschen, was welche Maßnahme bringt. Wie Bobbert zeigte sie sich enttäuscht, dass die Apothekerschaft ihr Konzept ins BMG getragen habe. Dort sei es – vielleicht auch in Unkenntnis über die Realitäten des Versorgungsalltags – durchgewinkt worden. »Wir haben es eben nicht gemeinsam gemacht«, so Wessel.
Genauso deutlich wurde aber auch, dass sich die Ärztevertreter im Grunde wenig bewegen wollen. Von Lucas angesprochen, was er denn unter einer besseren Verzahnung meinte, fiel Bobbert nur eine Verschlankung des Prozesses von Verordnung und Arzneimittelversorgung via ePA und E-Rezept ein. Anders als KBV-Chef Andreas Gassen ist Bobbert aber klar gegen ein Dispensierrecht für Ärzte. »Da warne ich sehr davor, diese Trennung ist wichtig.«
Einen möglichen Fall für eine bessere Einbindung der Apotheken brachte Wessel eher aus Versehen auf. Als es um die massenhafte Erbringung unnötiger Leistungen ging, sagte die Ärztin: »Mit einem vereiterten Zeh kann man sich von der Feuerwehr ins Krankenhaus fahren lassen.« Lucas verwandelte diese Vorlage souverän.
Hertzer von der TK wünscht sich, dass Kostenträger und Leistungserbringer hart miteinander verhandeln, aber nicht in der Öffentlichkeit. Und das ambulante System immer schlechter zu reden, als es ist, sei letztlich demokratiezerstörend. Einig war sich die Runde darin, dass Prävention gesamtgesellschaftlich gedacht werden müsse, über Sport und Ernährung in der Schule bis zu wirksamen Maßnahmen für eine größere Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung.