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Diabetes: Nomaden-Gene als Risikofaktor

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Ärzte unterschätzen hierzulande den Einfluss erblicher Faktoren und der ethnischen Zugehörigkeit auf die Entwicklung von Typ-2-Diabetes. «Wer zum Beispiel eine lange Nomadengeschichte in seinen Genen trägt, hat wahrscheinlich heute noch einen natürlich erhöhten Blutzuckerwert», sagte Professor Dr. Norbert Stefan, Diabetesforscher am Uni-Klinikum Tübingen, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa anlässlich des Welt-Diabetes-Tags am 14. November. Das habe damit zu tun, dass Nomaden Hungerzeiten nur überlebten, wenn ihre Körper schnell Energie freisetzen konnten. «Für Menschen mit dieser genetischen Anlage ist eine Überernährung bereits im Bereich des Normalgewichts ein hohes Diabetes-Risiko», sagt er. Da reiche schon ein dauerhafter Fastfood-Konsum. In einer multiethnischen Gesellschaft müssten Hausärzte das berücksichtigen, zum Beispiel bei Menschen aus Nordafrika, Asien oder Polynesien.

Das gilt insbesondere auch für Kinder. Rund jedes siebte Kind in Deutschland gilt schon als zu dick, sechs Prozent sind bereits krankhaft übergewichtig. Viele von ihnen stammen aus Migrantenfamilien. Ihre Eltern ahnen oft kaum, welchem Risiko sie ihre Kinder mit viel zu fetter und süßer Ernährung aussetzen. Zu den Langzeitfolgen können gravierende Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Netzhauterkrankungen bis hin zu Erblindung, Nierenversagen und Amputationen gehören. Wer als Kind erkrankt, kann diese Folgen nicht erst im Seniorenalter zu spüren bekommen, sondern schon mit 40.

«Diabetes wird generell immer noch zu spät erkannt», sagt Professor Dr. Andreas Pfeiffer, Diabetologe an der Berliner Charité. Dabei lasse sich die Vorstufe relativ leicht wieder loswerden. «Fünf Kilo abnehmen, eine halbe Stunde pro Tag körperlich aktiv sein und sich einigermaßen gesund ernähren – damit lässt sich das Risiko um 80 bis 90 Prozent senken», ergänzt Pfeiffer. «Aber Diabetes merkt man nicht, der tut nicht weh.»

Zu ungesunder Ernährung kommen acht dominant erbliche Diabetesformen, die auch schlanke Menschen mit ganz bestimmten Genmutationen treffen können. In fünf bis zehn Jahren könne eine Analyse des gesamten Genoms zur Routinediagnostik werden, glaubt Pfeiffer. Im Moment kennen Forscher rund 100 Gene, die das Diabetesrisiko erhöhen. Norbert Stefan dagegen schlägt einen jährlichen Blutzuckertest für jeden Menschen vor, egal ob dick oder dünn. Stereotype führen für ihn dazu, dass die Krankheit und vor allem ihre Vorstufen in Deutschland oft unentdeckt und unterschätzt bleiben.

Nur bei rund 300.000 Menschen in Deutschland ist eine angeborene Autoimmunkrankheit (Typ 1) Ursache für die diagnostizierten Fälle. Bei mehr als sechs Millionen Menschen ist dagegen ein Wechselspiel aus Fehlernährung, Bewegungsmangel und genetischen Anlagen der Grund für erkannte Erkrankungen (Typ 2). Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass weitere zwei Millionen Menschen unter Diabetes leiden, ohne davon zu wissen. «Prädiabetes ist bei uns nicht als Krankheit anerkannt, ist also gar nicht auf der Agenda», sagt Stefan. Und doch erhöhe die Vorstufe innerhalb von etwa fünf Jahren deutlich das Risiko für die Schwelle zum echten Diabetes. Für Vorstufen gibt es messbare Signale wie zu hohe Blutzucker-, Blutfett- und Blutdruckwerte.

 

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Schwerpunktheft Zucker, Ausgabe 41/2017

 

08.11.2017 l PZ/dpa

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