| Melanie Höhn |
| 12.10.2026 16:25 Uhr |
Konstanze Blatt (Deutsche Krebsgesellschaft), Matthias Mieves (SPD-Bundestagsfraktion), Sonja Optendrenk (G-BA) und Patrick van der Loo (Pfizer Deutschland). / © PZ/Melanie Höhn
Wie lässt sich die Arzneimittelversorgung langfristig sichern und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit des Pharmastandorts Deutschland stärken? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des »Tagesspiegel«-Fachforums Gesundheitswirtschaft.
Diskussionsbedarf lieferte unter anderem die erweiterte Standortklausel, die Pharmaunternehmen unter bestimmten Voraussetzungen vom steigenden Herstellerabschlag ab 1. Januar 2027 entlasten soll, um den Pharmastandort Deutschland zu stärken. Voraussetzung ist jedoch die rechtzeitige gesetzliche Umsetzung, die im Rahmen der Notfallreform Mitte Oktober 2026 erfolgen soll. Da der Zeitplan knapp ist, müssen insbesondere die Finanzierung und die konkreten Bedingungen noch geklärt werden.
Die Vorschläge in der nun vorliegenden Form könnten die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) mit 1,3 Milliarden Euro belasten, warnte der GKV-Spitzenverband unlängst und befürchtete, dass das Ziel des Reformpakets zur Stabilisierung der Beitragssätze der Gesetzlichen Krankenversicherung dadurch gefährdet werden könnte.
Lina Seitzl, Mitglied im Gesundheitsausschuss der SPD-Bundestagsfraktion, betonte in der Diskussionsrunde, dass Deutschland zwar eine stabile Forschungslandschaft besitze, aber bei den Rahmenbedingungen noch ausbaufähig sei. »Ich glaube, dass die Standortklausel extrem wichtig ist. Ich teile die Meinung der GKV: Es ist keine Aufgabe der Versicherten, es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe durch unterschiedliche Finanzierungen.«
Professor Matthias Hiller, Berichterstatter Gesundheitswirtschaft der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, stimmte Seitzl zu. »Die Bedingungen der Standortklausel sind gut gewählt. Die Frage der Finanzierung ist Gemeinschaftssache der Länder, Kommunen und der EU«, sagte er. Zudem betonte er: »Wir müssen an vielen Stellen die Gerechtigkeitsdebatte führen.« Wichtig sei, zu vermitteln, dass sich die Vergütung am Zusatznutzen eines Arzneimittels orientiere.
Ingeborg Borgheim, Geschäftsführerin Deutschland von Takeda, führte aus, dass die Pharmabranche verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit brauche, um langfristig in Deutschland investieren zu können. Im globalen Wettbewerb sei zudem die Bereitschaft entscheidend, pharmazeutische Innovationen angemessen zu honorieren.
Jasmina Kirchhoff vom Institut der deutschen Wirtschaft wies darauf hin, dass Europa durch die US-amerikanische Zoll- und Arzneimittelpreispolitik sowie den zunehmenden Wettbewerb aus China unter Druck gerate. Weitere Preissenkungen könnten die Pharmaunternehmen schwächen, während politische Unsicherheit und wechselnde Rahmenbedingungen langfristige Investitionen erschweren würden. Entscheidend sei ein ausgewogenes regulatorisches Umfeld, das einen schnellen Marktzugang ermögliche und gleichzeitig die notwendigen Anforderungen erfülle, denn zu hohe Hürden könnten Investitionen verhindern, so Kirchhoff. Um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu sichern, müssten Wirtschaft, Politik, Krankenkassen und Patienten besser zusammenarbeiten.
Mit Blick auf das AMNOG hob Kirchhoff hervor, dass sich das System grundsätzlich bewährt habe, jedoch reformiert werden müsse, um auch künftig Innovationen und eine verlässliche Arzneimittelversorgung zu ermöglichen. Sonja Optendrenk, unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), bezeichnete das AMNOG als ein »super System«, um den freien Marktzugang erhalten zu können. Es brauche jedoch eine Reform, aber die Grundsätze dieses Systems müssten erhalten bleiben.
Matthias Mieves, Mitglied im Gesundheitsausschuss der SPD-Bundestagsfraktion, beschrieb das AMNOG als Errungenschaft für Deutschland, deren Grundprinzipien inzwischen auch international Nachahmer gefunden hätten. Er betonte, dass der Nutzen neuer Arzneimittel systematisch bewertet und die Preise auf dieser Grundlage festgelegt werden sollten. Für die Reform gehe es ihm darum, dieses bewährte System weiterzuentwickeln, statt seine Grundidee infrage zu stellen. Als konkreten Ansatz nannte er den besseren Aufbau und die stärkere Nutzung von Registerdaten, um neue Evidenz zu gewinnen und Nutzenbewertungen zu verbessern. Damit sollen aus seiner Sicht neue Möglichkeiten der Datenerhebung stärker in die Arzneimittelbewertung einfließen.
Konstanze Blatt, Generalsekretärin der Deutschen Krebsgesellschaft, kritisierte die anhaltend steigenden Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung und wies darauf hin, dass insbesondere patentgeschützte Arzneimittel wesentlich zu dieser Entwicklung beitrügen. Sie bemängelte, dass die Preisverhandlungen im Rahmen des AMNOG häufig nicht ausreichend zwischen Arzneimitteln mit und ohne nachgewiesenen Zusatznutzen unterschieden. Medikamente ohne belegten Mehrwert sollten aus ihrer Sicht deshalb nicht höhere Preise erzielen als wirtschaftliche Therapiealternativen.
Zudem stellte sie die Frage, welche Preise angesichts der tatsächlichen Zahlungsfähigkeit der Versichertengemeinschaft und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Unternehmen angemessen sind. Sie regte an, neben einer konsequenteren Nutzenbewertung auch die Renditen der Pharmaindustrie und die gesellschaftliche Zahlungsbereitschaft kritisch zu betrachten. Als übergeordnetes Ziel formulierte sie eine finanzierbare Arzneimittelversorgung, bei der hohe Preise durch einen entsprechenden medizinischen Nutzen gerechtfertigt werden müssen. Zudem müssten mehr patientenrelevante Endpunkte betrachtet werden.
Bei der Weiterentwicklung des AMNOG sprach sich Patrick van der Loo, Präsident von Pfizer Deutschland, für moderne Evidenzformen, eine frühzeitige Einbindung der Industrie in die Diskussion über geeignete Studienendpunkte und eine international anschlussfähige Nutzenbewertung aus.
Zudem wies er wie Jasmina Kirchhoff darauf hin, dass deutsche Arzneimittelpreise zunehmend internationale Auswirkungen haben, insbesondere durch die Preisreferenzierung und die US-amerikanische Meistbegünstigtenpreis-Politik. Er warnte davor, dass ein zunehmender internationaler Preisdruck dazu führen könnte, dass neue Arzneimittel später oder gar nicht mehr in einzelnen Märkten eingeführt werden. Zugleich verwies er auf die wachsende Bedeutung Chinas als Standort für biopharmazeutische Innovationen und die damit verbundenen Veränderungen im globalen Wettbewerb. Deutschland und Europa müssten deshalb ihre eigene Forschungs- und Entwicklungsleistung stärken und die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten reduzieren. Dafür forderte er bessere Standortbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren, harmonisierte Datenschutzanforderungen und eine gezielte Förderung von Fachkräften und Forschung.
Professor Bernd Mühlbauer, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, machte deutlich, dass die Sicherung des Pharmastandorts eine klare staatliche Aufgabe sei und nicht zulasten der gesetzlich Versicherten gehen dürfe. Besonders kritisch bewertete er die Versorgung mit Antibiotika und Plasmaprodukten, deren Verfügbarkeit in Krisensituationen lebensentscheidend sein kann. Er warnte vor der starken Abhängigkeit von asiatischen Herstellern bei Antibiotika und verwies darauf, dass Plasmaprodukte auf menschliche Spenden angewiesen sind und nicht einfach künstlich hergestellt werden können. Ein Ausfall der Plasmaspenden könne deshalb schnell zu erheblichen Versorgungsengpässen führen. Generell gebe es in Deutschland zu viele Medikamente mit geringem oder keinem Zusatznutzen.
Mühlbauer kritisierte zudem, dass in Deutschland jährlich rund 60 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben werden, darunter auch viele Präparate ohne nachgewiesenen Zusatznutzen. Die dadurch möglichen Einsparungen sollten seiner Ansicht nach genutzt werden, um die Versorgungssicherheit und die Produktion kritischer Arzneimittel zu stärken, statt die Kosten auf die Versicherten abzuwälzen.
Professor Kai Zacharowski, Klinikdirektor am UK FFM, unterstrich aus intensivmedizinischer Perspektive die besondere Bedeutung einer zuverlässigen Verfügbarkeit von Arzneimitteln für Notfälle, Operationen und die Behandlung schwer verletzter Patienten. Insbesondere Antibiotika und andere unverzichtbare Medikamente müssten auch in Krisensituationen verfügbar sein, da fehlende Arzneimittel die Behandlungsmöglichkeiten unmittelbar einschränken. Er wies darauf hin, dass Deutschland zwar über eine leistungsfähige medizinische Infrastruktur verfügt, diese jedoch bei unterbrochenen Lieferketten schnell an Grenzen stoßen könne.
Darüber hinaus kritisierte Zacharowski Fehlanreize im Gesundheitssystem, die unnötige Operationen und zusätzliche Leistungen begünstigen können. Er forderte deshalb eine stärkere Ausrichtung der medizinischen Versorgung auf tatsächlich notwendige und patientenrelevante Behandlungen sowie eine Überprüfung bestehender Vergütungsmechanismen. Insgesamt plädierte er dafür, die Krisenfestigkeit des Gesundheitssystems durch eine bessere Vorbereitung, eine zuverlässige Arzneimittelversorgung und eine europäische Zusammenarbeit zu stärken.