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Ursachen für Lieferengpässe
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Zu viel Bürokratie, zu wenig Geld

Am Rande der pharmazeutischen Fachmesse Expopharm in Düsseldorf begab sich die Fachgruppe WIV-Apotheker auf die Suche nach den Ursachen der grassierenden Lieferengpässe. Deutlich wurde: Schnelle Lösungen gibt es nicht.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 28.09.2023  13:30 Uhr

Die Fachgruppe WIV-Apotheker ist ein eingetragener Verein, dem vor allem Apothekerinnen und Apotheker angehören, die in der Wissenschaft, Industrie und Verwaltung tätig sind. Dementsprechend lag der Fokus der Veranstaltung auf der Perspektive der Industrie. »Ein privatwirtschaftliches Unternehmen muss immer einen Gewinn erzielen«, benannte Christian Licht, Mitarbeiter des Dienstleisters Promedipharm in Bensheim, gleich zu Anfang einen unumstößlichen Grundsatz. Problematisch sei, dass die Anforderungen in Sachen Arbeitnehmerschutz, Umweltschutz und Patientenschutz deutlich gestiegen seien und immer weiter steigen – und mit ihnen die Kosten für die Unternehmen.

Mit der Verlagerung der Produktion nach Asien lassen sich die Kosten bekanntlich senken, weshalb nahezu alle Hersteller diesen Weg gegangen sind: »Die wesentlichen Schritte der chemischen Synthese finden nicht mehr in Europa statt«, konstatierte Licht. Die häufig geäußerte Forderung, »die Produktion zurück nach Europa zu holen«, sei aber mit den hier geltenden bürokratischen Regeln kaum wirtschaftlich zu bewerkstelligen. Einen Neubau von Produktionsanlagen in Deutschland könne man »heutzutage vergessen«, weil die Genehmigungsverfahren den Prozess unglaublich in die Länge zögen. »Sogar der Chef der BASF hat in der ›Tagesschau‹ die Überregulierung beklagt – und die BASF ist ja kein kleines Unternehmen«, sagte Licht.

Doch auch ohne die Rückverlagerung der Produktion nach Europa steigen die Kosten der Hersteller, etwa durch den Transport. »Geeigneter Frachtraum für den Transport von Arznei- und Hilfsstoffen ist knapp und mittlerweile sehr teuer«, so Licht. Und auch die letzten Produktionsschritte, die ja zum Teil in Europa stattfinden, sind im Preis gestiegen. So koste etwa die Bedruckung einer Arzneimittelpackung mit dem Securpharm-Code pro Packung 2 Cent.

Der Staat soll selbst Arzneimittel einkaufen

Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, wies auf die Dimension hin, die das Problem der Lieferengpässe mittlerweile erreicht hat. »Fast jedes zweite Rezept ist von Lieferengpässen betroffen. Das entspricht täglich 1,5 Millionen Menschen. Statistisch gesehen sind also innerhalb von wenigen Monaten alle Menschen in der Bundesrepublik mindestens einmal von Lieferengpässen betroffen.« Es gebe mittlerweile keine Arzneimittelgruppen mehr, die hier außen vor sei. Besonders dramatisch sei die Situation aber bei den Generika.

Um Abhilfe zu schaffen, müsse der Staat mehr Verantwortung übernehmen, forderte Preis. Die Unternehmen müssten besser bezahlt werden, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Der Staat müsse daher selbst als Käufer von Arzneimitteln auftreten, wie er das bei den Coronaimpfstoffen getan habe, oder die Preise anheben. »Dafür würde ein niedriger einstelliger Millionenbetrag reichen«, glaubt Preis. Ob dies allerdings außerhalb einer akuten Krise wie der Pandemie tatsächlich geschehen wird, ist doch sehr fraglich.

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