| Cornelia Dölger |
| 08.10.2026 10:25 Uhr |
Apotheken seien »der beste Ort für Prävention«, so Martin Dess, Initiator des Transformationsgipfels. Es gelte, sich dem Neuen zu stellen. / © PZ/Dölger
Initiator Martin Dess, Gründer von Scalyst sowie dem Präventions- und Diagnostikanbieter »made for me«, wirbt für einen grundlegenden Wandel. Apotheken seien »der beste Ort für Prävention«, müssten dafür aber stärker auf neue Leistungen wie evidenzbasierte Diagnostik und Prävention abzielen.
In einer aktuellen Umfrage hätten 77 Prozent der Teilnehmenden angegeben, dass ihr Bewusstsein für Prävention gestiegen sei. Warum also die Chance an sich vorbeiziehen lassen, wandte sich Dess an die anwesenden Apothekerinnen und Apotheker im B’mine-Hotel am Frankfurter Flughafen. Apotheken könnten viel erreichen, wenn sie die Menschen ein Leben lang begleiten und ihnen helfen, die Lebensqualität zu verbessern. Für einen solchen neuen Weg hätten die Apotheken alle Chancen, so Dess.
Mathias Kifmann vom Hamburg Center for Health Economics verwies auf die schon demografiebedingt stark steigenden Gesundheitsausgaben sowie die Vorteile des medizinischen Fortschritts. Deutschland sei bei der Prävention noch »ganz hinten dran«, konzentriere sich zu sehr auf die kurative Medizin, kritisierte Kifmann. Prävention sei ökonomisch betrachtet eine Investition. Um Menschen zu gesundem Verhalten zu motivieren, sei professionelle Begleitung nötig, etwa durch Beratung in der Apotheke.
Gesundheitsökonom David Matusiewicz bezeichnete die Apotheke als »Gesundheitstankstelle« und als zentrale Anlaufstelle in einem sich wandelnden Gesundheitssystem. Neue Diagnosemöglichkeiten, digitale Versorgungswege und informiertere Patienten eröffneten Apotheken neue Chancen. Der »Wirkstoff Apotheke« liege in der persönlichen Begleitung, die Therapieerfolge und Patientenbindung verbessern könne.
Daten allein seien wenig wert, entscheidend sei ihre Interpretation, betonte Matusiewicz. Hier könnten Apotheken ihre Stärke ausspielen, indem sie Informationen verständlich einordnen und Orientierung bieten. Die Apotheke könne sich dabei zur Gesundheitsplattform und zum dezentralen Schaufenster für Prävention entwickeln.
Mit dem Aufstieg von KI-Anwendungen verändere sich auch die digitale Kommunikation. Inhalte müssten so aufbereitet werden, dass sie von KI-Systemen leicht verarbeitet und ausgespielt werden können, etwa durch klare Erklärungen, Übersichten und aktuelle Informationen. Künftig werde es weniger einzelne Softwarelösungen geben als vielmehr integrierte KI-Systeme. Daraus entstehe ein neues Zusammenspiel: ein »Dreiecksgespräch zwischen Kunde, Apotheke und KI«.
Apotheker und KI-Experte Marc Kriesten sieht Künstliche Intelligenz als Werkzeug zur Entlastung der Teams. Beratung, Verantwortung und Entscheidungen blieben menschliche Aufgaben, während KI Wissen bereitstellen und Prozesse verschlanken könne. Seine Vision: »Die Apotheke wird ein Health-Checkpoint sein.« Die Apotheke der Zukunft sei »persönlich und lokal, aber viel präventiver, datenbewusst, KI-unterstützt, aber mit pharmazeutischem Herz geführt«.
Der Wiener Ethiker Andreas Klein beleuchtete Chancen und Risiken von KI in Prävention und Versorgung. KI könne Krankheiten früher erkennen, große Datenmengen analysieren und die Qualität steigern. Zugleich warnte er vor Intransparenz, Manipulationsrisiken und emotionaler Bindung an KI-Systeme. Entscheidend sei ein verantwortungsvoller Einsatz, um das Vertrauen der Patienten zu stärken. Einen Vertrauensmehrwert erkennt Klein, wenn die Apotheke darlegt, wie verantwortungsvoll sie mit KI umgeht.
Wie genetische Analysen personalisierte Prävention ermöglichen können, skizzierte der Molekularbiologe Daniel Wallerstorfer. Gene beeinflussten unter anderem Ernährung, Gewichtsmanagement und die Wirkung von Medikamenten. Wissen über die individuelle genetische Ausstattung könne helfen, Gesundheitsmaßnahmen gezielter auf den einzelnen Menschen abzustimmen.
Dieter Steinhilber, Frankfurter Professor für pharmazeutische Chemie, referierte über »Silent Inflammation« und beschrieb Entzündungsprozesse, die chronische Erkrankungen fördern können, sowie die Mechanismen dahinter.
Change-Management-Experte Ilja Grzeskowitz postulierte: »Menschen wollen sich verändern – nur nicht verändert werden.« Veränderungsresistenz beziehe sich selten auf »die anderen«, sondern auf sich selbst. »Wir müssen die Dinge vorleben, die wir von anderen erwarten.«
Externe Faktoren wie Klima und Politik könne der Einzelne nicht kontrollieren. Es gelte also, sich auf Dinge zu fokussieren, die kontrollier- und beeinflussbar seien. Für eine Change-Kompetenz brauche es einen guten Chancenblick, ein mutiges Team und Werkzeuge, um die Zukunft aktiv zu gestalten. Tipp des Veränderungsexperten: sich bei wichtigen Richtungsentscheidungen fragen, ob man lieber Quelle oder Otto sein wolle. Beide waren früher analoge Kataloggrößen. Während Otto längst Europas Marktführer im E-Commerce ist, verpasste Quelle einst den Online-Zug und ging pleite.
Wie sich Pläne und Vorsätze erfolgreich umsetzen lassen, zeigte die Berliner Apothekerin Anike Oleski am zweiten Tag des Gipfels anhand ihres Wegs zum eigenen Präventionszentrum. Ihr Motto: »Machen ist wie Wollen, nur krasser.« Erfolg basiere für sie auf Neugier, Mut, Eigenverantwortung und einem starken Team, dessen Stärken gezielt gefördert werden. Familie, persönliche Erfahrungen und die Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen, hätten sie dabei geprägt.
Theo Dingermann, Senior Editor der Pharmazeutischen Zeitung (PZ), warb für eine datenbasierte Prävention in der Apotheke. Daten seien entscheidend, um den Nutzen von Interventionen zu bewerten. Prävention müsse individueller werden, forderte Dingermann. Bis zu 80 Prozent vieler Erkrankungen hätten eine Lebensstilkomponente und »man kann da verdammt viel machen«. Die Apotheke könne dabei als niedrigschwellige Anlaufstelle Gesundheitsdaten erfassen, einordnen und Menschen in der Phase der Primärprävention begleiten.
Prävention sei derzeit oft »ohne Kompass« unterwegs. Statt allgemeiner Empfehlungen brauche es eine responsive, datenbasierte Prävention. Grundlage könnten Daten von Genetik und Metabolomik sein. Während genetische Risiken statisch und damit weitgehend festgelegt seien, zeige die Metabolomik »die Endstrecke aus Genen, Umwelt und Lebensstil« und ermögliche gezielte Interventionen. Zwischen »optimal« und »krank« liege ein Graubereich – nämlich die eigentliche Zone der Primärprävention. Die »stille Fettleber« etwa sei ein ideales Feld für frühe, wirksame Beratung.
Apothekencoach Nicole Müller zeigte auf, wie sich Teams für neue Projekte gewinnen lassen. Dabei klafften Wunsch und Umsetzung oft auseinander: Viele hätten große Ziele, zweifelten aber daran, diese tatsächlich erreichen zu können. Entscheidend sei daher, Verantwortung zu übernehmen und an die eigenen Fähigkeiten sowie das eigene Unternehmertum zu glauben.
In Apotheken werde häufig auf bessere Rahmenbedingungen gewartet. Ein Hindernis sei die sogenannte Wissen-Tun-Lücke: Nicht fehlendes Wissen, sondern Selbstbild und Glaubenssätze stünden der Umsetzung oft im Weg. Dazu stellte sie einen Vier-Punkte-Plan vor. Ihr Fazit: »Wer dran bleibt, wird belohnt.«