| Paulina Kamm |
| 18.03.2026 11:30 Uhr |
Die Unverzichtbarkeit der Apotheken scheint allen klar zu sein – außer der Politik. Deshalb ruft die ABDA am 23. März zum bundesweiten Apothekenstreik auf. Doch was würde passieren, wenn man den Ernstfall eintreten lässt? / © Imago / Müller-Stauffenberg
Täglich besuchen in Deutschland laut ABDA rund 3 Millionen Menschen eine Apotheke vor Ort. Für viele bedeutet der Apothekenbesuch auch mehr als die Versorgung mit Medikamenten. Insbesondere für ältere Kundinnen und Kunden ist er häufig ein wichtiger oder sogar der einzige soziale Kontakt am Tag. Das mag man als Sozialromantik verlachen, trägt aber fraglos zur gesellschaftlichen Stabilität bei.
Unmittelbarer und offensichtlicher ist der Effekt auf die Arzneimittelversorgung: Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) und des Statistischen Bundesamtes (Destatis) leben in Deutschland rund 46 Millionen Menschen mit mindestens einer chronischen Erkrankung. Eine kontinuierliche Arzneimitteleinnahme ist für diese Menschen oft unerlässlich.
Mit anderen Worten: Mehr als die Hälfte der Deutschen wäre also durch den Ausfall der wohnortnahen Versorgung von unmittelbaren gesundheitlichen Konsequenzen betroffen – und etliche akut bis lebensbedrohlich. Die Auswirkungen auf den Krankenstand kann sich Kanzler Merz in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen.
Ohne Apotheken müsste die Arzneimittelabgabe also substituiert werden. Wer meldet sich freiwillig? Das ärztliche Personal könnte die laut Arzneimittelkompass (2025) knapp 720 Millionen verschriebenen Arzneien pro Jahr direkt an die Patientinnen und Patienten aushändigen. In dem Fall dann ohne pharmazeutische Kontrollinstanz und ohne die gewollte Trennung zwischen Verordnung und Abgabe.
Der Gesundheitswissenschaftler Kai Kolpatzik schätzt 2.500 Todesfälle durch Medikationsfehler pro Jahr – unter den bisherigen Bedingungen. Dass sich diese Prognose bei dispensierenden Ärzten nicht verbessern würde, liegt auf der Hand: Bereits heute dauert laut Statista ein ärztlicher Patientinnen- oder Patientenkontakt in der Praxis nur 7,6 Minuten.