| Daniela Hüttemann |
| 17.02.2026 12:22 Uhr |
Menschen mit Übergewicht brauchen professionelle Unterstützung, vom individuellen Bewegungs- und Ernährungsplan über eine Verhaltenstherapie bis zur Adhärenzförderung in der Apotheke. / © Getty Images/PixelsEffect
Übergewicht geht trotz seiner Häufigkeit immer noch mit einer großen Stigmatisierung einher. »Die Betroffenen kommen zu uns und wissen, dass ihr Gewicht nicht gesund ist. Trotzdem schaffen sie es oft nicht, dauerhaft abzunehmen, selbst bei hoher Motivation«, berichtete Dr. Jens Aberle, Professor für Diabetologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, vergangenen Samstag bei der 30. gemeinsamen Fortbildungsveranstaltung der Apothekerkammer und DPhG-Landesgruppe Hamburg.
Warum ist es so schwer, das Körpergewicht dauerhaft zu reduzieren? »Zum einen spielen die Gene eine große Rolle, ob man an Adipositas erkrankt oder nicht«, betonte Aberle. Der Grundumsatz, also was wir ohne Bewegung für unsere Grundfunktionen täglich an Kalorien benötigen, ist zum Beispiel stark genetisch festgelegt. Menschen mit Adipositas hätten häufig auch weniger Rezeptoren auf der Zunge, um Süßes zu schmecken – und brauchen höhere Konzentrationen, um dieses natürlich Bedürfnis zu stillen. Bei Menschen mit Übergewicht ist zudem die Neurobiologie gestört – sie denken ständig ans Essen (»Food Noise«) und verlieren ihr Sättigungsgefühl. »Man kann sagen: Je höher der BMI, desto geringer das Sättigungsgefühl«, erklärte Aberle.
Adipositas ist aber auch »umweltbedingt«: Die heutige Umgebung mit einem Überangebot an (ungesunden) Lebensmitteln, gepaart mit mangelnder Bewegung, macht es vielen Menschen schwer, einen gesunden Lebensstil zu pflegen. Trotzdem wird Übergewicht zu Unrecht immer noch vorrangig als individuelles Problem gesehen.
Hinzu kommt die sogenannte Set-Point-Theorie: Der Körper ist auf Vorratshaltung gepolt, will das Gewicht behalten und wenn wir abgenommen haben, immer wieder zum Höchstgewicht zurück. »Der Körper produziert bei Gewichtsabnahme ein Feuerwerk an Hormonen wie Ghrelin; unser Verlangen nach Nahrung steigt erheblich. Da braucht man sehr viel Disziplin, weil man gegen die Biologie ankämpft.«
Die Set-Point-Theorie erkläre auch, warum Adipositas eine chronische Erkrankung ist – mit hoher Rezidivrate. »Die Menschen brauchen also eine lebenslange Therapie und Begleitung«, so Aberles Erfahrung. »Jeder Mensch mit Adipositas sollte das Basisprogramm bekommen: Ernährungstherapie, Bewegungstherapie und Verhaltenstherapie«, so der Referent. Davon ist die Realität aber sehr weit entfernt. Diese drei Säulen sollten auch zuerst versucht und beibehalten werden, wenn Abnehmspritzen zum Einsatz kommen.