| Daniela Hüttemann |
| 19.02.2026 18:00 Uhr |
Meist liege auch ein Mikronährstoffdefizit vor, zum Beispiel für Calcium, Eisen, Vitamin D und B-Vitamine. »Das kann über eine Ernährungsprotokoll ermittelt werden. Dann sollte individuell substituiert werden«, empfahl Smollich. Nahrungsergänzungmittel seien leider bei Adipositas generell nicht erstattungsfähig, außer bei nachgewiesenem Mangel und entsprechender Indikation.
Messungen seien wünschenswert, aber meist eine Selbstzahlerleistung, sodass meist darauf verzichtet werde. »Die Datenlage ist jedoch klar, dass diese Menschen es brauchen«, so der Experte. Wenn eine genaue Bestimmung nicht möglich sei, könne man zu einem Multinährstoffpräparat greifen, das 100 bis 200 Prozent der normalerweise empfohlenen Tageszufuhr abdeckt.
Smollich hält eine professionelle Ernährungsberatung durch eine zertifizierte Fachkraft für unverzichtbar. »Das ist keine Option, sondern zwingend. Es reicht nicht, die allgemeinen Tipps zu geben. Die kennen die meisten. Der Ernährungsplan muss individualisiert sein.« Zu finden sind zertifizierte Ernährungsberater über die Website der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.
Apothekenteams können Patienten mit Adipositas darauf hinweisen, dass ihr Arzt ihnen eine Ernährungstherapie verordnen kann. Dazu braucht es eine Notwendigkeitsbescheinigung für eine medizinische Indikation, die bei Adipositas gegeben ist. Dann übernehmen die Krankenkassen einen Großteil der Kosten, allerdings muss der Patient in der Regel in Vorleistung treten. Um die Patienten hierfür zu motivieren, lieferte Smollich ein Argument: Berechnungen hätten gezeigt, dass die Ersparnis bei nicht gekauften Lebensmitteln wie Fast Food und Alkohol die Kosten abfangen könnten.
Eine Ernährungstherapie könne auch adjuvant bei Nebenwirkungen der Antiadipositas-Medikamente eingesetzt werden, um Übelkeit, Verstopfung und Dyspepsie zu reduzieren. »Hier haben Apotheken eine Lotsenfunktion«, findet Smollich. Fettige, süße Mahlzeiten werden schlechter vertragen und liegen länger im Magen, auch wegen der verzögerten Magenentleerung durch die Inkretinmimetika.
Daher sollten die Patienten eher viele kleine, leicht verdauliche Mahlzeiten essen, langsam kauen und vor allem nicht zu spät abends noch zu viel essen. Falls die Übelkeit sehr stark ist, könne der Patient sich auch vom Arzt ein Antiemetikum verordnen lassen.
Zur möglichen Nebenwirkung Verstopfung der GLP-1-Agonisten sagte Smollich: »Die vermeintliche Obstipation ist manchmal auch gar keine.« Wenn man deutlich weniger esse, komme zwangsläufig hinten weniger oder seltener etwas heraus. Es ist also normal, dass man unter Gewichtsabnahme vielleicht nicht mehr jeden Tag Stuhlgang hat. Das müsse man dem Patienten kommunizieren.
Eine gute Nachricht sei, dass Patienten unter Abnehmspritzen laut einer Studie in »Nature Medicine« weniger Süßigkeiten, Kohlenhydrate, High-Fat- und Fast-Food-Produkte konsumieren, das Verlangen nach Obst und Gemüse aber unbeeinflusst bleibe. »Man kann sagen: Die Patienten haben wieder Spaß an gesunder Ernährung«, so Smollich. Zudem lasse unter GLP-1-Rezeptoragonisten das Phänomen »Food Noise«, bei dem die Gedanken der Betroffenen nur noch ums Essen kreisen, deutlich nach. Das sei für die Patienten »extrem befreiend«.