| Theo Dingermann |
| 30.03.2026 17:00 Uhr |
Vormittags oder nachmittags: Ob der Tageszeitpunkt, zu dem eine Chemo-Immuntherapie verabreicht wird, für die Wirksamkeit relevant ist, wird derzeit diskutiert. / © Getty Images/sudok1
Chronopharmakologie ist ein attraktives Konzept, dem Beobachtungen zugrunde liegen, wonach bestimmte Tageszeiten für therapeutische Interventionen gegenüber anderen vorteilhaft sein könnten. In diesem Bereich forscht etwa eine Gruppe um Dr. Zhe Huang von der Central South University in Changsha, China. Sie hatte Ende des Jahres 2025 eine Arbeit im Fachjournal »Cancer« publiziert, wonach eine Tumortherapie besser vormittags als nachmittags durchgeführt werden sollte.
Im Februar 2026 folgte eine weitere Veröffentlichung der Forschenden im Fachjournal »Nature Medicine«. Die Ergebnisse der LungTIME-C01-Studie bestätigen die These, wonach eine Tumortherapie am Vormittag gegenüber der Nachmittagsgabe überlegen sei. Diese Studie sorgt jetzt allerdings für so erhebliche Unruhe in der onkologischen Gemeinschaft, dass »Nature Medicine« am 19. Februar eine formelle Untersuchung einleitete – ein seltener und schwerwiegender Vorgang. In einer Notiz zur aktuellen Publikation macht die »Nature«-Redaktion darauf aufmerksam, dass »Bedenken hinsichtlich Unstimmigkeiten zwischen dem Registrierungsdatensatz dieser Studie auf clinicaltrials.gov und der veröffentlichten Fassung des Studienprotokolls sowie hinsichtlich einiger Ergebnisse dieser Studie geäußert wurden«.
Die Forschenden hatten in der randomisierten Phase-III-Studie 210 Patienten mit therapienaivem nicht kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) im Stadium IIIC bis IV im Verhältnis 1:1 einer Früh- oder Spätgruppe zugeteilt. Die ersten vier Zyklen einer Chemo-Immuntherapie mit den Checkpoint-Inhibitoren Sintilimab (aktuell noch nicht in Europa zugelassen) oder Pembrolizumab plus einer Platin-basierten Chemotherapie wurden entweder vor oder nach 15.00 Uhr verabreicht.
Die berichteten Ergebnisse waren spektakulär. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug 11,3 Monate bei einer frühen Applikation gegenüber 5,7 Monaten bei einer Applikation nach 15.00 Uhr. Ähnlich verhielt es sich mit dem medianen Gesamtüberleben, das mit 28,0 Monaten gegenüber 16,8 Monaten ermittelt wurde. Bei Hazard Ratios von etwa 0,40 bis 0,42 waren diese Resultate hoch signifikant (p < 0,001).
Zusätzlich präsentierten die Forschenden immunologische Korrelate. So stiegen in der Frühgruppe zirkulierende CD8⁺-T-Zellen an, während das Verhältnis von aktivierten zu erschöpften CD8⁺-T-Zellen günstiger ausfiel.
Die biologische Grundlage des Konzepts sehen die Forschenden in der zirkadianen Regulation des Immunsystems. Tatsächlich existieren mehr als 20 retrospektive Studien sowie eine Metaanalyse von 13 solcher Arbeiten, die einen Vorteil früher Infusionszeitpunkte bei verschiedenen Tumorentitäten nahelegen. Angesichts der langen Halbwertszeit monoklonaler Antikörper (PD-1-Inhibitoren verbleiben wochenlang im Körper) blieb die klinische Plausibilität eines so ausgeprägten Timing-Effekts für viele Experten allerdings schwer nachvollziehbar.