Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Krieg im Nahen Osten
-
Verbände warnen vor Auswirkungen auf Arzneimittelversorgung

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) warnt angesichts des Krieges im Iran vor Sicherheitsrisiken für die pharmazeutische Versorgung in Europa. Auch Pro Generika spricht von möglichen langfristigen Folgen für die Generika-Produktion in China. Alle Verbände, mit denen die PZ gesprochen hat, warnen vor Abhängigkeiten.
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 06.03.2026  15:30 Uhr
Verbände warnen vor Auswirkungen auf Arzneimittelversorgung

Laut der Nachrichtenagentur AP könnten Exporte von Arzneimitteln aus Indien durch den Krieg verzögert werden. Der indische Arzneimittelhersteller Dr. Reddy's warnt vor drohenden Lagerengpässen. Grund dafür sind die Probleme im Luftfrachtverkehr, die durch den Krieg verursacht werden. Davon berichtet die Informationsplattform Healthcare Digital. Doch könnte das auch Europa die pharmazeutische Versorgung in Europa beeinflussen?

Vor einer Gefahr für die Arzneimittelversorgung Europas durch die militärische Eskalation im Nahen Osten warnt der BPI. Grund dafür sei der Suez-Kanal. Die Seehandelsroute Asien – Europa werde von den Reedereien aufgrund der aktuellen Ereignisse auf der Teilstrecke durch das Rote Meer als hochriskant eingestuft und von einigen Gesellschaften bereits nicht mehr befahren. Eine alternative Route um das Kap der Guten Hoffnung dauere nach Angaben der Schifffahrtsgesellschaften zehn bis 14 Tage länger und sei wesentlich teurer. So der BPI. 

BPI warnt vor Risiken im Suez Kanal

»Es ist momentan noch nicht genau einzuschätzen, ob und inwieweit durch die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten die Versorgung mit Arzneimitteln in Europa bereits jetzt gefährdet ist«, teilt der Verband auf Anfrage der PZ mit. »Ein Risiko besteht, und es ist kein kleines.«

»Die Sicherheit der Seewege zwischen Asien und Europa ist einer der neuralgischen Punkte für die Versorgung Europas mit Wirkstoffen oder anderen Vorprodukten.« Europa sei verwundbar, da zu abhängig von Asien, insbesondere von China. »Lieferengpässe oder gar Ausfälle würden zu erheblichen Versorgungsproblemen führen. Das gilt vor allem – aber bei weitem nicht nur – für Antibiotika«, so der BPI. 

Die Abhängigkeit von China ist groß

Die Abhängigkeit von China hebt auch der Verband Pro Generika hervor. Er warnt vor einem möglichen »indirekten Effekt«. Europa sei bei vielen Wirkstoffen in hohem Maße von China abhängig. China wiederum sei stark auf Energieimporte – insbesondere Öl – angewiesen. »Sollten zentrale Transportwege wie die Straße von Hormus dauerhaft beeinträchtigt werden, könnte dies die Energieversorgung Chinas und damit die dortige Industrieproduktion treffen«, so Pro Generika gegenüber der PZ. 

Tatsächlich ist China einer der weltweit größten Ölimporteure. Die größten Lieferanten (Stand 2024–2025) sind Russland, Saudi-Arabien und der Irak. Das Land importiert außerdem aus dem Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und dem Iran. Darüber hinaus importiert China Öl aus Brasilien und Malaysia. Die Daten stammen von der unabhängigen Website »World's Top Exports«, die detaillierte Daten, Analysen und Ranglisten zu globalen Exporten und Importen bietet.

Durch die Sperrung der Straße von Hormus von den iranischen Revolutionsgarden steigen momentan die Ölpreise und die Exporte werden schwieriger. Die breite Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman ist eine der wichtigsten Routen für den weltweiten Ölhandel. Nach Einschätzung von US-Kriegsbeobachtern ist der Schiffsverkehr im Zuge des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran um etwa 90 Prozent zurückgegangen.

»Bei einem Ausfall chinesischer Lieferungen wäre bei mehr als einem Drittel der untersuchten versorgungskritischen Wirkstoffe die Versorgung in Deutschland gefährdet«, so Pro Generika. Besonders betroffen wären unter anderem Antibiotika sowie Diabetes- und Schmerzmittel. Käme es dort zu Produktionsausfällen oder Priorisierungen für den eigenen Markt, hätte das unmittelbare Folgen für die weltweiten Lieferketten – auch für Europa. »Die steigenden Energiekosten würden auch die Produzenten in Europa vor Herausforderungen stellen – zumal die Preise im Generika-Markt stark gedeckelt sind und größtenteils nicht weitergegeben werden können.«

Der Iran-Krieg mache damit deutlich, wie verwundbar stark konzentrierte Lieferketten in geopolitisch angespannten Zeiten seien. »Es braucht dringend Reformen, die mehr Resilienz in Form von diversifizierten Lieferketten sowie europäische Produktion ermöglichen.«

Der Verband macht aber deutlich, dass er kurzfristig keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Arzneimittelversorgung in Deutschland erwartet. Unternehmen würden nicht »just in time« produzieren, sondern würden in der Regel über Lagerbestände für mehrere Wochen oder sogar Monate verfügen. »Vorübergehende Störungen – etwa in der Straße von Hormus – können daher zunächst abgefedert werden. Ob sich die Lage mittelfristig auswirkt, hängt wesentlich von Dauer und Intensität des Konflikts ab.«

Mehr von Avoxa