| Jennifer Evans |
| 20.10.2026 07:00 Uhr |
Augendiagnose: Mediziner erkennen schwere Krankheit in Botticellis Meisterwerk »Die Geburt der Venus«. / © Shutterstock/Mlle Sonyah
Simonetta Vespucci gilt als Muse des Renaissance-Künstlers Sandro Botticelli. Er hatte sie auf Werken wie »Die Geburt der Venus« (um 1485) oder »La Primavera« (um 1480) verewigt. Schon mit 16 Jahren verzauberte Vespucci die Florentiner Elite, bevor sie mit nur 23 Jahren starb.
In seiner Forschungsreihe über die junge Adlige hat Paolo Pozzilli, Honorarprofessor für Diabetes und klinische Forschung an der Queen Mary University London, nun im BMJ »Medical Humanities« über seine neusten Erkenntnisse berichtet. Den frühen Tod der Schönheit aus Genua führt er demzufolge auf einen Hypophysentumor zurück, einen meist gutartigen Tumor der Hirnanhangdrüse.
In seiner aktuellen Veröffentlichung nahm Pozzilli die Augenpartie des Venus-Gemäldes sowie weitere Porträts der jungen Italienerin genauer unter die Lupe. Dabei fand er Anzeichen, die auf einen Hypophysentumor hindeuten. Dazu zählen beispielsweise Schwellungen um die Augen. Auch das Gewebe, das den weißen Teil des Auges bedeckt, erscheint demnach verändert, samt Flüssigkeitseinlagerungen. Auch der Strabismus, ein Markenzeichen der hübschen Florentinerin, spricht für seine These.
Das Forschungsteam vermutet, dass der Tumor eine Hypophysenapoplexie auslöste, die dann einen tödlichen Verlauf nahm. Auslöser dafür könnte ein Tanz oder eine gewaltsame Vergewaltigung gewesen sein – beides sei in den historischen Aufzeichnungen angedeutet, heißt es.
»Sandro Botticelli war ein brillanter Künstler, der seine Motive mit großem Realismus darstellte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er in seinen Gemälden medizinische Hinweise hinterlassen hat, die wir Jahrhunderte später noch deuten können«, hob Pozzilli in einer Mitteilung der Universität hervor.
Die Ironie: In der Renaissance galt das sogenannte Venus-Schielen als Schönheitsideal und fand viele Nachahmer in der Kunst – der Gedanke an eine Erkrankung war seinerzeit offenbar weniger im Fokus.