| Melanie Höhn |
| 02.04.2026 18:00 Uhr |
Oleg Klimov ist Vorsitzender des Vorstands der ukrainischen Apothekerkammer »All Ukrainian Pharmaceutical Chamber« (AUPC). / © Oleg Klimov/AUPC
PZ: Wie steht es aktuell um die Vor-Ort-Apotheken in der Ukraine?
Klimov: Es ist mir eine Ehre, Ihnen einen unvoreingenommenen und realistischen Überblick über die Lage im Apothekenwesen der Ukraine während der heimtückischen militärischen Aggression Russlands zu geben. Seit vier Jahren tötet Russland Zivilisten, zerstört zivile Infrastruktur und lässt Hunderttausende von Privathäusern und Wohnhäusern während der strengen Winterkälte ohne Strom und Heizung zurück, während gleichzeitig viele medizinische und pharmazeutische Einrichtungen in der Ukraine zerstört werden.
In der Ukraine fielen zahlreiche Apotheken und Großhändler Raketen- und Drohnenangriffen zum Opfer. Es gibt keine endgültigen Zahlen über die Gesamtzahl der im Zuge der Militäroperationen in der Ukraine zerstörten Apotheken, da sich diese Informationen praktisch nach jedem weiteren Angriff der russischen Aggressoren ändern. Derzeit sind in der Ukraine noch etwa 16.300 Apotheken am Netz, etwa 4500 Betriebe mussten seit Kriegsbeginn schließen.
PZ: Wie lässt sich der Arbeitsalltag in den Apotheken skizzieren?
Klimov: Um die Arbeitsbedingungen ukrainischer Apotheker im Vergleich zu europäischen Kolleginnen und Kollegen zu beurteilen, möchte ich einen typischen Arbeitstag in der Ukraine beschreiben. Dieser beginnt üblicherweise damit, dass der Apotheker beziehungsweise in 99 Prozent der Fälle die Apothekerin gemäß den während des Kriegsrechts geltenden Standardarbeitsanweisungen in Apotheken den Ölstand des mobilen Stromgenerators prüft, diesen mit Benzin betankt und erst nach Abschluss dieser Schritte die eigentlichen Aufgaben aufnimmt. Im Laufe des Tages, je nach Standort der Apotheke, bedient er oder sie dann zwischen den vom Staat ausgerufenen Alarmen Patienten, bereitet Bestellungen vor, nimmt Waren entgegen, erstellt Berichte für die Kostenerstattung und erledigt die üblichen Routinearbeiten eines Apothekers.
PZ: Wie geht es den Teams in den Apotheken?
Klimov: Der größte Unterschied zwischen ukrainischen und EU-Apothekern liegt im niedrigen Durchschnittsgehalt – es beträgt im Schnitt etwa 462 Euro im Monat. In der Ukraine werden pharmazeutische Dienstleistungen und Betreuung bei der Bearbeitung von Erstattungsrezepten, der Abgabe von verschreibungspflichtigen Medikamenten sowie Nacht- und Feiertagsarbeit nicht vergütet. Ein weiteres Merkmal der Arbeit von Apothekern in der Ukraine ist die extreme Nervosität der Patienten. Diese lassen ihren ganzen Frust, der sich im Laufe des Tages angesammelt hat, an den Apothekern aus und machen sie für die hohen Medikamentenpreise und die niedrige Rente verantwortlich – die Mindestrente in der Ukraine beträgt etwa 70 Euro im Monat.
PZ: Wie gestaltet sich das Erstattungssystem in der Ukraine?
Klimov: In der Ukraine gibt es kein obligatorisches Krankenversicherungssystem und nur sehr wenige Medikamente sind erstattungsfähig – etwa 5 Prozent aller zugelassenen Arzneimittel und rund 10 Prozent, die für medizinische und präventive Einrichtungen aus staatlichen und kommunalen Mitteln beschafft werden. Angesichts dieser Situation tragen die Patienten fast die gesamte finanzielle Last für eine notwendige, qualitativ hochwertige und nachweislich wirksame medizinische Versorgung. Daher bieten Apotheker in der Ukraine neben Medikamenten auch unentgeltlich psychologische Unterstützung an.
Unter Berücksichtigung der sozialen Verantwortung des Apothekenwesens haben einige Apothekenketten auf eigene Kosten und mit politischer Unterstützung des ukrainischen Gesundheitsministeriums ein neues, bisher nicht existierendes Modell für den Medikamentenverkauf außerhalb von Apotheken durch pharmazeutisches Personal geschaffen – die sogenannten Mobilen Apotheken (MAP).
Eine mobile Apotheke in der Ukraine im Einsatz. / © Oleg Klimov/AUPC
PZ: Wie funktioniert das genau?
Klimov: Ziel ist es, der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten einen besseren Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Stand Juni 2025 waren vier mobile Apotheken (sogenannnte 911-Apotheken) im Einsatz, die insgesamt über 220 Siedlungen versorgten (Region Charkiw: über 100, Sumy: 70, Cherson: 56). Stand März 2026 waren zwei mobile Apotheken in Betrieb und versorgten 147 Siedlungen (Region Charkiw: 77, Sumy: 70). Um die ununterbrochene Arbeit der Apotheker im Rahmen des Programms »Mobile Apotheken« zu gewährleisten und Patienten elektronische Rezepte im Rahmen des Programms zur Erstattung von Arzneimitteln zu ermöglichen, sind alle Fahrzeuge mit Generatoren und Starlink ausgestattet.
Darüber hinaus verfügen alle Apotheken im »Apteka-911-Netzwerk« über Generatoren für den Fall möglicher Stromausfälle in Dörfern und Städten. Die zusätzlichen Treibstoffkosten belaufen sich in jeder Region auf etwa 2 Millionen Ukrainische Hrywnja (UAH) pro Monat und in Kiew und Umgebung auf etwa 3 Millionen UAH pro Monat. In Krisengebieten sind einige Apotheken mit dem Starlink-System ausgestattet. So kostet beispielsweise allein der Treibstoff eine Apotheke in Mykolajiw monatlich etwa 57.000 UAH. Diese Kosten tragen die Apotheken selbst und decken sie durch Gewinnminderungen, da der Staat diese zusätzlichen Ausgaben nicht subventioniert.
PZ: Ist die Bevölkerung ausreichend mit Medikamenten versorgt?
Klimov: Trotz der extrem schwierigen Arbeitsbedingungen, die einerseits durch die Militäroperationen und andererseits durch ein sehr strenges Regulierungsmodell für Apothekenbetriebe verursacht wurden, haben die ukrainischen Apotheken durch außerordentliche professionelle Anstrengungen den Zusammenbruch dieser äußerst wichtigen Kette im Gesundheitssystem verhindert und die Patienten mit verfügbaren Medikamenten versorgt.
PZ: Liegt derzeit ein Mangel an bestimmten Medikamenten in der Ukraine vor?
Klimov: Derzeit gibt es in der Ukraine keinen Medikamentenmangel. Dies liegt vor allem an der hervorragend ausgebauten Logistik der Medikamentenlieferungen in der Ukraine und dem ausreichenden Angebot an Präparaten von ukrainischen und ausländischen Herstellern. Natürlich gibt es Fälle, in denen Patienten notwendige und teure Medikamente nicht kaufen können, nicht weil sie nicht verfügbar sind, sondern weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen. Denn praktisch die gesamte finanzielle Last liegt bei den Patienten.
Ich möchte aber noch einen Punkt anführen, der die Arbeit der Apotheken beeinflusst: Die ukrainische Regierung hat regulatorische Änderungen im Apothekensektor eingeführt, die hauptsächlich auf die Senkung von Arzneimittelpreisen abzielen. Die Maßnahmen begrenzen die Gewinnspannen von Großhändlern und Apotheken, verpflichten zur vollständigen Erfassung aller verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Medikamente und erlauben den Verkauf rezeptfreier Medikamente außerhalb von Apotheken, beispielsweise an Tankstellen. Diese Politik hat bereits zur Schließung hunderter kleiner und ländlicher Apotheken geführt und belastet die verbleibenden Apotheken zusätzlich finanziell. Gleichzeitig fehlen grundlegende pharmazeutische Gesetze und eine nationale Strategie, sodass die Reformen sowohl praktisch als auch regulatorisch problematisch sind.