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Diskussionspapier der Leopoldina
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Übergewicht und Adipositas, Ursachen und Folgen

Die Leopoldina, die nationale Akademie der Wissenschaften Deutschlands, erarbeitet in ihrer Politik beratenden Funktion in loser Folge fachkompetente, unabhängige, transparente und vorausschauende Empfehlungen zu gesellschaftlich relevanten Themen. Aktuell hat sie ein Diskussionspapier zu Ursachen und Folgen von Übergewicht und Adipositas publiziert.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 10.12.2019  14:24 Uhr

10 Thesen und Empfehlungen

Vor diesem Hintergrund werden die folgenden zehn Thesen und Empfehlungen formuliert.

  • These 1: Die Ursachen für die deutliche Zunahme von Übergewicht und Adipositas sind vielfältig. Hierbei spielen individuelle, soziale, politische und ökonomische Faktoren eine Rolle. Maßnahmen, die nur einen Faktor verändern wollen, werden kaum erfolgreich sein. Vielmehr sollten verschiedene Maßnahmen initiiert und in ihren Wirkungen und Wechselwirkungen wissenschaftlich begleitet werden. Eine Veränderung der Adipositas-Prävalenz einer Gesellschaft wird sich dabei nicht kurzfristig, sondern nur mittel- und langfristig erreichen lassen. Dennoch können auch Erfolge, die sich für den Einzelnen nur als kleine Schritte darstellen, gesamtgesellschaftlich von erheblicher Bedeutung sein.
  • These 2: Grundlegende Faktoren für eine Prävention von Übergewicht und Adipositas sind der Lebensstil sowie die Ernährungs- und die Bewegungsgewohnheiten. Alle Maßnahmen, die darauf abzielen, das individuelle Verhalten zu ändern, sollten so gestaltet werden, dass daraus für das Individuum positive Konsequenzen resultieren.
  • These 3: Regelmäßige Bewegung durch Treppensteigen, Laufen, Radfahren oder sportliche Übungen können in der Regel leicht und ohne negative Begleiterscheinungen in viele tägliche Routinen eingebaut werden. Dieses kann für die Prävention von Übergewicht und Adipositas sowie für die Verbesserung der Lebensqualität förderlich sein.
  • These 4: Wirksame Strategien der Gewichtsregulation sollten nicht eindimensional auf eine Kontrolle des Gewichts fokussiert, sondern breiter orientiert sein und die Bedeutung einer verbesserten Lebensqualität vermitteln.
  • These 5: Stigmatisierung von Übergewicht und Adipositas kann zu emotionalen Beeinträchtigungen, Depressionen und einer Verschlechterung der Lebensqualität der Betroffenen führen. Einer Stigmatisierung der Betroffenen sollte durch die Vermittlung von vertieftem Wissen über die vielfältigen Ursachen und Faktoren von Übergewicht entgegengewirkt werden.
  • These 6: Menschen, die von Adipositas betroffen sind, müssen adäquat mit evidenzbasierten Therapieoptionen versorgt werden. Das gilt insbesondere auch für chirurgische Maßnahmen bei Menschen mit schwerer Adipositas.
  • These 7: Neben einer Reihe von lern- und sozialpsychologisch begründeten Techniken der Beeinflussung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens können zur Prävention von Übergewicht und Adipositas Nudging (»anstupsen«)- und Boosting (»Verbesserung der Entscheidungskompetenz«)-Techniken eingesetzt werden. Boosting kann vor allem auch im familiären Kontext bei der Entwicklung von gesundheitsfördernden Ernährungsgewohnheiten bei Kindern helfen.
  • These 8: Um das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu verbessern und um unerwünschte Rückkopplungen zu vermeiden, müssen unterschiedliche legislative und regulierende Instrumente kombiniert eingesetzt werden. Hierzu gehören unter anderem auch gezielte Werbeverbote oder die Besteuerungen einzelner Nahrungsmittel. Dabei müssen mögliche Ausweicheffekte bedacht werden.
  • These 9: Prävention von Übergewicht und Adipositas muss so früh wie möglich in der Kindheit beginnen, denn in dieser Zeit werden sowohl physiologisch als auch psychologisch Präferenzen und Gewohnheiten festgelegt, die dann über die gesamte Lebensspanne wirksam sind. Dies betrifft das Ernährungs- ebenso wie das Bewegungsverhalten.
  • These 10: Alle an der Ernährung der Bevölkerung beteiligten Akteure – Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Handel, Restaurationsbetriebe – müssen in die Planung, Gestaltung und Evaluation der Maßnahmen zur Eindämmung der Adipositas eingebunden werden.

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