| Jennifer Evans |
| 05.01.2026 14:00 Uhr |
Kleine Störung, großer Vertrauensverlust: Technische Fehler in Online-Meetings verzerren unser Urteilsvermögen stärker als gedacht. / © AdobeStock/Andrey Popov
Vor allem die Covid-19-Pandemie hat die Präsenz von Videokonferenzen in vielen Lebensbereichen befeuert. Doch technische Störungen in der digitalen Kommunikation können das Vertrauen in die präsentierende Person erheblich beeinträchtigen. Das zeigt eine Studie, die vor Kurzem in der Fachzeitschrift »Nature« erschienen ist.
Unter anderem bei kurzen Online-Präsentationen zum Thema Gesundheit wirkten sich Bild- oder Tonunterbrechung negativ auf die Wahrnehmung aus. Teilnehmende stuften den Berater als weniger vertrauenswürdig ein und gaben an, eher nicht mit ihm zusammenarbeiten zu wollen. Die Forschenden führen diesen Effekt auf »Uncanniness« zurück. Das ist ein Gefühl von Unwohlsein, das entsteht, wenn sogenannte Glitches, Unterbrechungen in der Bild- oder Tonübertragung, den natürlichen Kommunikationsfluss stören.
Auch in Bewerbungsgesprächen zeigte sich der Einfluss technischer Probleme. Probandinnen und Probanden berichteten im Zuge der Experimente, dass sie ihr Gegenüber weniger sympathisch fanden und sich selbst weniger verstanden fühlten, wenn während des Gesprächs Glitches auftraten.
Insbesondere Tonstörungen wirkten sich demnach negativ darauf aus, ob jemand für einen Job infrage kam – stärker noch als Bildprobleme. Gleichzeitig kam bei der Studie heraus, dass visuelle Störungen weniger irritierend waren, wenn die Gesprächspartner nicht direkt in die Kamera schauten, etwa wenn jemand eine Präsentation teilte.
Das Phänomen untersuchten die Forschenden um Dr. Melanie Brucks, Assistenzprofessorin für Wirtschaft in der Abteilung Marketing an der Columbia University, zudem in Protokollen US-amerikanischer Bewährungsanhörungen, die per Videokonferenz stattfanden. Es zeigte sich: Personen mit technischen Störungen gewährte man nach diesen Gesprächen mit Glitches seltener eine Bewährung.
Die Ergebnisse werfen etwa die Frage auf, wie stark technische Probleme unbewusst Urteile beeinflussen. Expertinnen und Experten, die vom Science Media Center befragt wurden, stellten noch weitere interessante Aspekte der Untersuchung heraus.
Der Wirtschaftspsychologe Professor Dr. Johannes Basch von der Hochschule Neu-Ulm findet es spannend, dass Videokonferenzen den Anspruch haben, ein vollwertiger Ersatz für persönliche Gespräche zu sein. »Dadurch entsteht eine Art Erwartungslücke: Nutzer:innen rechnen mit einer kommunikativen Qualität, die der Face-to-Face-Interaktion gleichgestellt ist. Störungen könnten sie daher als besonders irritierend empfinden«, betonte er.
Dr. Lisa Handke, Juniorprofessorin für Wirtschaftspsychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, hält die Ergebnisse auf einige Szenarien im echten Leben übertragbar. Allerdings nur, solange die Interaktion mit fremden Personen stattfindet. »Da Dehumanisierung eher bei unbekannten oder entfernten Personen passiert, könnte man annehmen, dass diese Effekte deutlich schwächer bei bekannten Personen ausfallen – oder dort sogar verschwinden«, gibt sie zu bedenken.
Das Virus SARS-CoV-2 hat unsere Welt verändert. Seit Ende 2019 verbreitet sich der Erreger von Covid-19 und stellt die Wissenschaft vor enorme Herausforderungen. Sie hat sie angenommen und rasch Tests und Impfungen, auch für Kinder, entwickelt. Eine Übersicht über unsere Berichterstattung finden Sie auf der Themenseite Coronavirus.