| Daniela Hüttemann |
| 03.02.2026 16:24 Uhr |
Krebspatienten brauchen einen tagesgenauen Einnahmeplan, am besten auch mit der Möglichkeit, ihr Befinden und das Auftreten von Nebenwirkungen zu dokumentieren. / © Getty Images/FatCamera
Vor 25 Jahren kam der erste Kinasehemmer auf den Markt; Ende 2025 wurde in den USA der hundertste Vertreter dieser Wirkstoffklasse zugelassen. Inzwischen umfasst die große Gruppe der oralen Antitumortherapeutika viele weitere Therapieansätze. Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag von Astra-Zeneca sehen 42 Prozent aller Apotheken etwa alle zwei Wochen einen Patienten mit einer entsprechenden Verordnung, ein Drittel der Apotheken mit onkologischem Schwerpunkt sogar täglich.
Meist seien es ohnehin Stammkunden der Apotheke – also Menschen, zu deren bisheriger Therapie man schon einiges weiß, erklärten Dr. Jelena Rosentreter (Aukamm Apotheke Wiesbaden) und Kerstin Bornemann (Marien Apotheke Göttingen) vergangenes Wochenende bei einem Satellitensymposium von AZ im Rahmen des NZW-Kongresses in Hamburg.
Orale Tumortherapeutika sind beratungsintensive Arzneimittel mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung für den Patienten – damit dürfe man die Patienten nicht allein lassen. Auch wenn die Betroffenen in der Onkologie-Praxis bereits aufgeklärt wurden, sind Diagnose und die zugehörigen Therapieinformationen mitunter so überwältigend, dass es die Betreuung in einem multidisziplinären Team erfordert.
Hier kommt die pharmazeutische Dienstleistung »Pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie« ins Spiel. Damit wird der erhöhte Beratungsaufwand auch vergütet. Zwar sei die Zahl der abgerechneten Leistungen dieser Art im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen, berichtete Rosentreter. Doch sei hier immer noch sehr viel Luft nach oben.
Manchen mag die vermeintliche Komplexizität zurückhalten, dabei ist es gar nicht so schwer, ermunterten Rosentreter und Bornemann. Es werde mit jedem Patienten einfacher – man müsse nur eben einfach anfangen. Die hochpreisigen Medikamente liegen in der Regel nicht auf Lager, sondern müssten bestellt werden – das lässt ein gewisses Fenster für die Vorbereitung, insbesondere wenn man einen Termin mit dem Patienten macht.
Gerade zu der oralen Antitumortherapie gibt es umfassendes Hilfsmaterial, nicht nur für die Durchführung der pDL, sondern auch spezifisch für jeden einzelnen Wirkstoff. Die Referentinnen verwiesen zum einen auf die Materialien des pDL-Campus der ABDA, zum anderen auf die Merkblätter zu Arzneistoffen und typischen Nebenwirkungen sowie Medikationsplänen auch für komplexe Einnahmeschemata der Oralia-Datenbank der Deutschen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie (DGOP) und der unabhängigen Wissensplattform AMBORA, einem gemeinsamen Projekt der Apotheke des Universitätsklinikums Erlangen und des Lehrstuhls für Klinische Pharmakologie und Klinische Toxikologie der Uni Erlangen-Nürnberg.
Im Mittelpunkt stehen die Punkte Adhärenzförderung, Nebenwirkungsmanagement und Interaktionen, auch mit der Dauermedikation bestehender Erkrankungen und vor allem selbst gekaufter Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.
»Der Gesprächsleitfaden führt auch Anfänger sicher durch das Gespräch, so kann man nichts vergessen«, ermunterte Rosentreter. Neben allen nötigen Informationen für das Fachpersonal gibt es bei den beiden Datenbanken auch patientengerechte Informationsblätter zum Download und Ausdruck. »Die Patienten brauchen etwas in der Hand.«
Selbst wenn man sich bei der strukturierten Beratung auf das Wesentliche konzentriert, sind es viele Informationen für den Patienten. »Kein Patient sollte die Apotheke verlassen, ohne dass wir sicher gehen können, dass er die richtige Einnahme verstanden hat«, betonte Bornemann. »Wenn der Patient zu Hause ist und sich nicht erinnert, kann er die Dosierung nicht dem Beipackzettel entnehmen.«
Zentral ist deshalb der personalisierte Einnahmeplan, inklusive der Therapiepausen und Einnahmehinweisen mit/ohne Mahlzeiten und Möglichkeiten zu Feedback wie Smileys zum Befinden oder dem Auftreten von Nebenwirkungen. Auch die Supportivtherapie und parenterale Gaben wie die nächste Chemo lassen sich mit den Vorlagen von DGOP oder AMBORA abbilden.
Im Gegensatz zum bundeseinheitlichen Medikationsplan wird hier bei jeder Abgabe ein tagesgenauer Plan erstellt. »Fragen Sie den Patienten nach seinem Tagesablauf und finden Sie so die für ihn optimalen Einnahmezeiten heraus, die exakt eingetragen werden«, riet Bornemann. Bei der nächsten Verordnung kann der Patient seinen Plan mitbringen. Anhand der Kreuze kann man dann schnell erkennen, wenn etwas nicht so gut läuft.
Eine Kopie des Einnahmeplans sollte auch immer an die onkologische Praxis übermittelt werden, gegebenenfalls mit einer kurzen Zusammenfassung, was die Apothekerin mit dem Patienten besprochen hat. »Bieten Sie sich als Ansprechpartner für die Praxis und die Patienten an – die meisten rechnen nicht damit, aber es ist eine gute Möglichkeit zu helfen und unser Berufsbild zu stärken. Sie können mit dieser pDL nichts falsch machen«, appellierte Bornemann abschließend. Falsch wäre nur, nicht zu beraten.