| Jennifer Evans |
| 25.09.2026 07:00 Uhr |
Viele Paare sind überfordert: Sexualität gilt als Privatsache – nicht als Teil der Krankheitsbewältigung. / © Getty Images/Mariia Zotova
Nach einer abgeschlossenen Krebsbehandlung ist es für viele Menschen schwer, zurück in den Alltag zu finden. Die einstige Normalität wiederzuerlangen, scheint fast unmöglich – besonders wenn es um Sexualität und Intimität geht. Körperliche Folgen wie hormonelle Veränderungen, Fatigue, Schmerzen oder Eingriffe an Geschlechtsorganen beeinflussen Körperbild und Liebesleben.
Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd zeigt, dass Sexualität gesellschaftlich als privates – und nicht krankheitsrelevantes – Thema erachtet wird. Daher sprechen Patienten und Patientinnen ihre sexuelle Gesundheit selten direkt an – und das Fachpersonal fragt nicht nach. Dadurch entsteht ein doppeltes Schweigen. Für Betroffene, die mit Blick auf ihre Krebserkrankung als gesund gelten, hätten intime Anliegen sowie deren Folgebelastungen keinen Raum, heißt es.
Ein weiterer Grund für das Schweigen ist laut dem Forschungsteam um Professor Dr. Marlen Niederberger der Zeitmangel im Klinikalltag. Ein entsprechendes Gespräch schätzen befragte Fachpersonen auf bis zu 60 Minuten. Hinzu kommt, dass Sexualberatung keine Kassenleistung ist. Nicht zuletzt liegt es zudem an der Versorgungslücke nach Ende der Akutbehandlung. Die Patientinnen oder Patienten gelten dann wieder als gesund, die medizinische Begleitung fällt weg. Aber genau dann tauchen Fragen zu Liebe, Nähe und Körperbild oft erst auf.
Stattdessen wird häufig Selbsthilfe empfohlen. »Die Verantwortung für das Thema wird auf individueller beziehungsweise partnerschaftlicher Ebene gesehen«, schreibt das Autorenteam. Das überfordere jedoch viele Paare. Dabei bietet die Rehabilitation laut Niederberger ein bisher kaum genutztes Zeitfenster, um das Thema strukturiert anzusprechen.
Nicht überraschend ergab die Analyse, dass Frauen sexuelle und intime Anliegen tendenziell offener thematisieren als Männer, die sich durch Männlichkeitsbilder wie Sexualität als Leistung gehemmter fühlen. Und bei älteren Menschen ist das Thema stärker schambesetzt als bei jüngeren Betroffenen.
Informationsmaterialien zur Sexualität gehen außerdem meist nur auf die medizinisch-funktionale Ebene beziehungsweise auf Reproduktionsfähigkeit ein. Hinweise dazu, wie etwa ein Zurück zur Partnerschaft gelingt, fehlen hingegen. Oft füllen dann Onlineforen diese Lücke. In den anonymen Räumen können Menschen über Scham, Libidoverlust oder Kommunikationsprobleme sprechen.
Die Probleme ähneln sich: Betroffene und deren Partnerinnen oder Partner interpretieren den sexuellen Rückzug wechselseitig als Ablehnung statt als Attraktivitätszweifel. Viele erleben einen Vertrauensverlust in den eigenen Körper, andere kämpfen mit Erwartungshaltungen oder Scham in der Partnerschaft und wieder andere mit der Angst, nie wieder Nähe empfinden zu können. Gleichzeitig berichten einige von kreativen Bewältigungsstrategien: Humor oder neuen Formen von Intimität.
Die Studie macht deutlich, wie relevant sexuelles Wohlbefinden nach einer Krebserkrankung ist. Unbehandelte sexuelle und intime Belastungen erhöhten nachweislich das Risiko für psychische Probleme, Beziehungskonflikte und soziale Isolation, heißt es.
Das Autorenteam rät daher medizinischem Fachpersonal, das Thema aktiv anzusprechen, bestenfalls anhand kurzer Fragebögen. Wichtig sei auch, statt Sexualität den Begriff Intimität zu nutzen. Zudem sollten Informationsmaterialien die Situation realistischer darstellen, statt eine schnelle Rückkehr zur Normalität zu versprechen. Für dringend erforderlich halten die Forschenden außerdem, therapeutische Angebote mit onkologischem Fokus auszubauen.