| Jennifer Evans |
| 01.04.2026 09:00 Uhr |
Medizin trifft Poesie: Wer schreibt, versteht nicht nur sich selbst besser, sondern auch andere. / © PZ/generiert mit KI
Im stressigen medizinischen Alltag können Lyrik und kreatives Schreiben eine wichtige Rolle spielen, meint Dr. Tana Jean Welch. Sie ist Assistenzprofessorin für Medizinische Geisteswissenschaften an der Florida State University (FSU). Gedichte beispielsweise spiegelten laut Welch die menschliche Erfahrung in ihrer ganzen Vielschichtigkeit wider und erlauben es, körperliche und emotionale Zustände differenzierter wahrzunehmen. Durch Stilmittel wie Mehrdeutigkeit oder fragmentierte Sprache entstehe eine Nähe zur wahrhaftigen – oft widersprüchlichen Erfahrung – von Körper, Geist und Gesundheit, wie sie auf der Website der FSU berichtet.
Welch, die auch Dichterin ist, hebt zudem den praktischen Nutzen kreativen Schreibens für medizinisches Personal hervor: Es fungiere als Werkzeug des kritischen Denkens und könne verborgene Gedanken und Emotionen freilegen. Gerade in der Medizin, wo viele Erfahrungen schwer in klare Worte zu fassen seien – etwa Schmerz, Krankheitsempfinden oder Emotionen – eröffne die Poesie neue Ausdrucksformen. Sie ermögliche es, Unsagbares greifbar zu machen und fördere so Empathie, Verständnis und eine tiefere Verbindung zwischen Behandelnden und Patienten.
Ein weiterer zentraler Gedanke ihrer Arbeit ist die sogenannte menschliche Verflechtung. Gesundheit, so Welch, lasse sich nicht isoliert betrachten, sondern sei untrennbar mit Umwelt, Gesellschaft und Politik verknüpft. Diese Perspektive relativiere die Bedeutung individueller Verantwortung und lenke den Blick stärker auf strukturelle Zusammenhänge.
Für die medizinische Praxis bedeutet das Schreiben zu Hause oder in einem Kurs auch immer Reflexion – sowohl über eigene Erfahrungen als auch über Patientenberichte. Das stärke Empathie und könne langfristig zu mehr Gerechtigkeit im Gesundheitssystem beitragen, so die Wissenschaftlerin.