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Jede Minute zählt
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Schnelltest zur Unterscheidung von Schlaganfällen

In der akuten Situation ist es kaum möglich, zwischen einem ischämischen und einem hämorrhagischen Schlaganfall zu unterscheiden. Allerdings zählt in solchen Fällen jede Minute, um eine Therapie einzuleiten. Hier könnte ein Schnelltest helfen, der derzeit in England entwickelt wird.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 10.03.2025  18:00 Uhr

Die große Mehrzahl der jährlich auftretenden 250.000 Schlaganfälle in Deutschland werden durch Blutgerinnsel verursacht, die ein Blutgefäß im Gehirn verschließen. Für Patienten, die von einem solchen ischämischen Schlaganfall betroffen sind, bieten sich zwei Therapieoptionen an: Eine Lysetherapie mit Medikamenten wie Alteplase oder Tenecteplase, die das Gerinnsel auflöst und seit Mitte der 1990er-Jahre Standard ist, oder eine Thrombektomie, falls eines der großen Hirngefäße verschlossen ist. Dabei wird im Rahmen eines minimalinvasiven Eingriffs das Blutgerinnsel mithilfe eines wiedereinfangbaren Miniaturgitternetzes (Stent-Retriever) mechanisch entfernt wird. Die Methode wird seit 2015 angewendet.

Beide Verfahren können allerdings nur bei einem ischämischen Schlaganfall eingesetzt werden und sind bei einem hämorrhagischen Schlaganfall, bei dem die Symptome durch Blutungen im Gehirn verursacht werden, streng kontraindiziert. Die Unterscheidung zwischen einem ischämischen und einem hämorrhagischen Schlaganfall erfolgt so schnell wie möglich in einer geeigneten Klinik mit Stroke Unit durch eine Computertomografie (CT) oder eine Magnetresonanztomografie (MRT). Gäbe es einen Schnelltest, der zwischen beiden Schlaganfalltypen unterscheiden könnte, ließe sich wichtige Zeit bei der Einleitung einer geeigneten Therapie gewinnen.

Englisches Unternehmen entwickelt Lateral-Flow-Test für Schlaganfälle

Ein solcher Schnelltest wurde nun von der in Cambridge in Großbritannien ansässigen Firma Up-Front Diagnostics entwickelt. Der Lateral-Flow-Tests nutzt Blut aus der Fingerbeere, um darin zwei diagnostisch relevante Moleküle immunologisch nachzuweisen. Dies sind zum einen D-Dimere, die beim Abbau von Fibrin entstehen, und zum anderen das saure Gliafaserprotein (GFAP), das im Serum bei einem hämorrhagischen Schlaganfall nachweisbar ist. Für einen ischämischen Schlaganfall mit großem Blutgerinnsel im Gehirn spricht, wenn der D-Dimer-Test positiv (visueller Score 4 bis 10)  und der GFAP-Test negativ ausfällt.

Der Schnellest wird aktuell in der RADIOS-Studie für die Notfallversorgung im Krankenwagen evaluiert. Dazu wird bewertet, wie gut der Tests noch im Krankenwagen durch den behandelnden Arzt durchzuführen ist. Abgefragt werden die Handhabbarkeit des Tests, die Sicherheit und das Vertrauen in das Ergebnis, die Gebrauchsanweisung, die Beratungsmaterialien und die Interpretation der Ergebnisse.

In Kombination mit dem sogenannten FAST-Score ergibt sich eine Sensitivität von 83 Prozent und eine Spezifität von 98 Prozent für die Erkennung eines ischämischen Schlaganfalls. Mithilfe des FAST-Tests lassen sich die typischen Anzeichen für einen Schlaganfall erkennen, um schnell Hilfe zu holen. Typische Symptome sind Sehstörungen, Sprach- und Sprachverständnisstörungen, Lähmungen, Taubheitsgefühle, Schwindel, Gangunsicherheit und starke Kopfschmerzen. FAST steht dabei für:

  • Face (Gesicht): Patienten auffordern, zu lächeln oder die Stirn zu runzeln. Wenn eine Gesichtshälfte nicht angemessen reagiert, könnte eine halbseitige Lähmung vorliegen.
  • Arms (Arme): Patient soll beide Arme ausstrecken und dann die Handflächen umdrehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme (gleich hoch) gehoben oder gedreht werden.
  • Speech (Sprache): Patient soll einen einfachen Satz nachsprechen. Wenn dies nicht gelingt oder die Sprache verwaschen klingt, könnte eine Sprachstörung vorliegen.
  • Time (Zeit): Patient oder Angehörige fragen, wie lange die Symptome schon bestehen. Ist eines der abgefragten Merkmale (Gesicht, Arme, Sprache) auffällig, besteht ein Verdacht auf Schlaganfall, der umgehend abzuklären ist.

»Eine frühzeitige Diagnose ischämischer Schlaganfälle durch Rettungssanitäter könnte die Möglichkeit bieten, Patienten schnell in für Thrombektomien geeignete Krankenhäuser zu transportieren, um Verzögerungen bei der Versorgung zu vermeiden«, sagt Larissa Prothero, eine Rettungssanitäterin beim East of England Ambulance Service NHS Trust, gegenüber der Zeitung »The Guardian«, die über die Testentwicklung berichtete.

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