| Johanna Hauser |
| 15.01.2026 14:00 Uhr |
Quallen der Art Cassiopea andromeda, die hauptsächlich auf dem Grund leben, wissen ein Mittagsschläfchen zu schätzen. / © Adobe Stock/allexxandarx
Quallen gehören zu den Nesseltieren, einer einfach gebauten, sehr alten Tiergruppe. Sie besitzen kein zentrales Nervensystem, sondern nur ein neuronales Netz, das den Organismus durchzieht. Dennoch schlafen einige Arten. Bereits 2017 zeigte ein Forschungsteam der Stanford University, dass Quallen der Art Cassiopea andromeda, eine vorwiegend sessile Qualle, einen schlafähnlichen Zustand einnehmen. In einer neuen Untersuchung beschreibt ein Team um Dr. Raphaël Aguillon von der Bar-Ilan Universität in Ramat Gan, Israel, das Phänomen an der Seeanemone Nematostella vectensis und schildert die Schlafmuster beider Arten im Detail. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachjournal »Nature Communications« veröffentlicht.
Demnach verbringen die Quallen ungefähr acht Stunden täglich mit Schlaf – den größten Teil davon in der Nacht, ergänzt durch einen Powernap am Mittag. Auch die Seeanemone verschläft ungefähr ein Drittel des Tages, insbesondere zur Dämmerung.
Schlaf ist für Tiere aus verschiedenen Gründen durchaus gefährlich: Verwundbarkeit gegenüber Räubern, fehlende Zeit für Nahrungssuche und Fortpflanzung sprechen eigentlich gegen ausgedehnte Ruhephasen. Dass er dennoch bei allen Tieren mit Nervensystem zu finden ist, weist auf eine wichtige physiologische Funktion hin.
Dem Team um Aguillon zufolge dient Schlaf dazu, Nervenzellen zu regenerieren. »Neuronen sind sehr wertvoll«, sagte Professor Dr. Lior Appelbaum, Koautor der Studie, gegenüber der Nachrichtenseite des Journals »Nature«. »Sie teilen sich nicht und müssen anderweitig funktionsfähig gehalten werden.«
Die Wissenschaft geht davon aus, dass Neuronen bereits vor Hunderten von Millionen Jahren erstmals zu Tage getreten sind und dass frühe Spezies von Nesseltieren, ähnlich den heutigen Quallen und Seeanemonen, bereits über diffuse neuronale Netzwerke verfügten.
Das Team um Appelbaum konnte zeigen, dass DNA-Schäden in den Neuronen, die in den Wachphasen der beiden Tierarten zunahmen, während des Schlafs wieder repariert wurden. Wurden solche Schäden mit UV-Licht, Mutagenen oder über Schlafentzug induziert, schliefen die Tiere entsprechend länger, um die Schäden auszugleichen. Spontaner und Melatonin-induzierter Schlaf förderten die Genomstabilität.
Für die Wissenschaftler ist dies ein Hinweis darauf, dass DNA-Schäden und zellulärer Stress in einfachen neuronalen Netzwerken die Evolution des Schlafs vorangetrieben haben könnten.
Limitierend sei die Tatsache, dass es keine Kontrollgruppe gab, die nach Induktion der DNA-Schäden wachgehalten wurde, gibt Dr. Chiara Cirelli von der University of Wisconsin-Madison zu bedenken. Die eigene Arbeit der Schlafforscherin weist darauf hin, dass Schlaf auch dazu dienen könnte, interneuronale Verbindungen, die im Tagesverlauf an Stabilität gewonnen haben, wieder zu lockern. So werde Energie gespart sowie Lernfähigkeit und Gedächtnis der Tiere gestärkt.
»Das Verständnis, warum und wie wir schlafen, könnte helfen, die Verbindung zwischen Schlafmangel und neurodegenerativen Erkrankungen zu beleuchten«, so Appelbaum. »Schlaf unterstützt Lernen und Gedächtnis. Es könnte aber auch darum gehen, die Funktion bestimmter Neuronen zu erhalten.«