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Überprüfung einer Studie ergibt
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SARS-CoV-2-Infizierte deutlich früher ansteckend

Bisher galt, dass SARS CoV-2-Infizierte ein bis zwei Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome ansteckend sind. Diese Annahme ist möglicherweise falsch. Schon deutlich früher könnten Infizierte ansteckend sein. Das Robert-Koch-Institut ist alarmiert, weil dies weitreichende Folgen auch auf die Quarantäne-Bestimmungen hat.
AutorKontaktSven Siebenand
Datum 21.08.2020  17:58 Uhr

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat angekündigt, eine nun korrigierte Coronavirus-Studie aus China zum zeitlichen Verlauf der Ansteckungsgefahr »gründlich zu überprüfen«. Die Frage, wann ein Infizierter das Virus an andere weitergeben kann, ist von großer Bedeutung. Dieser Wert spielt bei der Kontaktverfolgung eine Rolle: Wie weit zurück sollten die Kontakte eines nachweislich Infizierten überprüft werden, wer muss eventuell in Quarantäne?

Bislang schreibt das RKI auf seiner Website, dass vermutlich ein beträchtlicher Anteil der Ansteckungen auf Kontakte zu Infizierten in den ein bis zwei Tagen vor deren Symptombeginn zurückgehe. Dabei beruft sich das RKI auf eine im April im Fachmagazin »Nature Medicine« veröffentlichte Studie von Forschern der Universität Hongkong. Die Wissenschaftler hatten darin über den zeitlichen Verlauf der Ansteckungsgefahr berichtet. Nun haben sie ihre Angaben korrigiert. Unter anderem schreiben sie jetzt: »Unsere Analyse legt nahe, dass die Freisetzung von Viren fünf bis sechs Tage vor dem Auftreten erster Symptome beginnen könnte.« Zuvor war in dieser Passage von zwei bis drei Tagen die Rede gewesen.

Aufgedeckt wurde der Fehler in der chinesischen Publikation von Forschern der Eidgenössischen Technischen Universität in Zürich. In »Swiss Medical Weekly« hat ein Team um Dr. Peter Ashcroft darüber berichtet, dass sie in der Nature-Studie einen fehlerhaften Schritt in der Wahrscheinlichkeitsberechnung entdeckt haben. Folge dieses Fehlers sei, dass zwei Datenpunkte aus der Berechnung entfernt werden, ohne dass dies im Text des Manuskripts ausdrücklich erwähnt wird. Bezieht man diese Datenpunkte wieder ein, führt das zu einem Infektiositätsprofil, das sich wesentlich von dem in der Originalveröffentlichung gezeigten unterscheidet. Infolgedessen beginnt die Infektiosität signifikant vor den gemeldeten 2,3 Tagen vor Einsetzen der Symptome, schreiben die Schweizer Wissenschaftler. Hatten die Autoren der Universität Hongkong zunächst errechnet, dass 98 Prozent der präsymptomatischen Ansteckungen auf die zwei Tage vor Ausbruch der Krankheit entfallen, so sagen die Schweizer Forscher, dass es nur 61 Prozent sind.

»Unsere Analysen zeigen, dass Infizierte das Virus bis zu fünf oder sechs Tage vor Ausbruch der Krankheit weitergeben können«, sagte Ashcroft gegenüber der NZZ am Sonntag. Wolle man 90 Prozent der präsymptomatischen Ansteckungen abfangen, müsste man die Kontakte bis zu vier Tage zurückverfolgen.

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