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Gesundheitswesen
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Ruf nach Strategie zur Klimaneutralität

Der Klimawandel hat erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit. Paradoxerweise trägt das Gesundheitssystem selbst deutlich zur Klimakrise bei. Der ExpertInnenrat Gesundheit und Resilienz der Bundesregierung fordert eine klare Strategie für eine klimabewusste Modernisierung. Das Ziel: eine Netto-Null-Emission.
AutorKontaktEv Tebroke
Datum 20.02.2025  09:30 Uhr

Extreme Hitze, Nahrungs- und Wassermangel, aber auch die Ausbreitung von Krankheitserregern lassen die Krankheits- und Todesraten steigen. Zwischen 2030 und 2050 wird laut Bundesentwicklungsministerium (BMZ) allein aufgrund dieser Auswirkungen des Klimawandels weltweit eine Zunahme von rund 250.000 Todesfällen pro Jahr erwartet. Daran hat das Gesundheitswesen selbst einen merklichen Anteil, wie der ExpertInnenrat »Gesundheit und Resilienz« in einer aktuellen Stellungnahme betont.

Demnach ist dieser Sektor weltweit für 4,4 Prozent aller klimaschädigenden Emissionen verantwortlich. Als Hauptverursacher gelten die Gesundheitssysteme der USA, Chinas und der EU, die zusammen 56 Prozent der Gesamtemissionen aller Gesundheitssysteme verantworten. In Deutschland ist diese Branche für etwa 5 Prozent der nationalen Emissionen verantwortlich – mit knapp 35 Millionen Tonnen pro Jahr in etwa genauso viel wie die Gesamtemissionen der Schweiz.

80 Prozent der Emissionen entstehen beim Warentransport

Trotz diverser Absichtserklärungen sei bislang hierzulande keine klare konzertierte Strategie erkennbar, das Gesundheitswesen hin zur Klimaneutralität umzubauen, kritisiert der ExpertInnenrat in seiner Stellungnahme. Das Gremium der Bundesregierung fordert eine klare Strategie, das Gesundheitssystem diesbezüglich zu transformieren. Als Vorbild nennt es beispielsweise den National Health Service (NHS) in Großbritannien, der mit ambitionierten Zielvorgaben bis 2040 eine Dekarbonisierung um 80 Prozent anstrebe.

Die meisten Emissionen entstehen laut Stellungnahme in stationären und teilstationären Einrichtungen, gefolgt von ambulanten Einrichtungen und zum Beispiel Apotheken. Unterteilt nach den Scopes des Greenhouse Gas Protocols entfallen 10 bis 17 Prozent auf die direkten Emissionen der Einrichtungen und weitere 10 bis 12 Prozent auf die Emissionen, die durch eingekaufte Energie entstehen. 70 bis 80 Prozent entstehen beim Einkauf von sonstigen Gütern und Dienstleistungen wie zum Beispiel Arzneimittel oder Medizinprodukte. Damit stammt der Großteil des CO2-Ausstoßes aus dem Warentransport. Globale Lieferketten spielten hier eine bedeutsame Rolle. Denn viele Waren beziehungsweise deren Grundstoffe kommen aus Indien und China.

Die Autorinnen und Autoren betonen: Gerade die Abhängigkeit von Lieferwegen und Lieferketten, die mit der Produktion wesentlicher Güter im weiter entfernten Ausland einhergeht, könne durch politische Unruhen, Kriege und andere Krisen zu einer Gefahr für die Versorgung führen und somit die Resilienz der Gesundheitssysteme nicht nur in Deutschland, sondern in Europa schwächen. »Multiples Sourcing und globale Diversifikation sind Ansätze, um die Abhängigkeit von einem Produktionsort beziehungsweise Hersteller zu reduzieren.

Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft

Um Treibhausgase zu verringern und auch um das Gesundheitssystem resilienter zu machen, müsse es das Ziel sein, Produkte aus der Nähe zu beziehen. »Das erfordert Investitionen für den Aufbau und die Förderung von Produktionskapazitäten in Europa für medizinisch relevante Produkte, wie es zum Beispiel mit HERA für notwendige medizinische Güter für Krisenfälle etabliert wurde.«  HERA, das ist der Name einer EU-Behörde für Krisenvorsorge und -reaktion.

Der »notwendige Weg zu Netto-Null-Emissionen im Gesundheitswesen« sei nicht nur entscheidend zur Eindämmung des Klimawandels, sondern auch »ein zentraler Eckpfeiler eines gesellschaftlichen Wandels hin zu Gesundheit und Wohlbefinden für alle«, so das Fazit der Expertinnen und Experten. Netto-Null-Emissionen seien nur durch einen Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft erreichbar, bei der etwa medizinische Geräte für die Wiederverwendung konzipiert werden.

Eine Gesundheitsreform, die Umwelt-, Finanz- und Leistungsaspekte kombiniere, könne den ökologischen Fußabdruck weiter verringern und Gesundheit und Resilienz aller langfristig stärken, heißt es.

Das Gremium »Gesundheit und Resilienz« ist das Nachfolgegremium des Corona-ExpertInnenrats. Am 18. Februar 2025 hatte der neue Rat seine konstituierende Sitzung im Bundeskanzleramt.

Der Runde gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen an, unter anderem Public Health, Epidemiologie, Ethik, Medizin, Informatik, Statistik, Modellierung, Pflegewissenschaft, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozialwissenschaften und Virologie. Den Vorsitz hat Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. Co-Vorsitzende ist Susanne Moebus von der Universitätsmedizin Essen. Mitglieder sind unter anderem auch die ehemalige Vorsitzende des Ethikrats, Alena M. Buyx, sowie der Virologe Christian Drosten.

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