Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Armut und Corona
-
RKI-Studie zeigt erhebliche Ungleichheit

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in einer großen Datenauswertung gezeigt, dass arme und benachteiligte Menschen deutlich stärker von den Gefahren der Corona-Pandemie betroffen waren. Die Forschenden mahnen, dass diese Bevölkerungsgruppen in künftigen Gesundheitskrisen dringend besser geschützt werden müssen. 
AutorKontaktLukas Brockfeld
Datum 20.06.2025  09:00 Uhr

Schon im ersten Jahr der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass einkommensschwache Menschen stärker von den Auswirkungen des Virus betroffen waren. Eine neue Studie des Robert Koch-Instituts zeigt jetzt im Detail, wie sehr sich das Infektions- und Sterberisiko zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschied. 

Die Forschenden des RKI untersuchten die offiziellen Infektionszahlen aus 401 Landkreisen und kreisfreien Städten und verknüpften diese mit dem »German Index of Socioeconomic Deprivation« (GISD). Der GISD misst das Ausmaß der regionalen sozioökonomischen Benachteiligung (Deprivation) der jeweiligen Bevölkerung.

Laut der Studie grassierte das Coronavirus in der Frühphase der Pandemie vor allem in wirtschaftsstarken Regionen und unter wohlhabenderen Menschen, die den Erreger beispielsweise von Geschäftsreisen mitbrachten. Doch spätestens in der zweiten Infektionswelle ab dem Herbst 2020 habe sich das Blatt gewendet. Das Virus hatte sich inzwischen im ganzen Land verbreitet und traf ärmere Regionen besonders hart. Hier war die Sterblichkeit etwa 1,5-mal so hoch wie in den reicheren Gegenden. 

Erhebliche regionale und soziale Unterschiede

Doch auch innerhalb der Regionen gab es erhebliche Unterschiede. Laut dem RKI hatten bestimmte Berufsgruppen, beispielsweise Reinigungskräfte, Logistikarbeiter und Gesundheitspersonal, ein deutlich erhöhtes Infektions- und Sterberisiko. Besonders betroffen waren Beschäftigte im Gesundheitssektor, die in den ersten beiden Infektionswellen ein etwa doppelt so hohes Infektionsrisiko hatten, wie die Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig hatten beispielsweise viele höher qualifizierte Büroangestellte ein deutlich vermindertes Risiko, da sie von zu Hause arbeiten konnten und so weniger soziale Kontakte hatten. 

Diese Ungleichheit schlug sich auch regional nieder. So gab es in Gegenden mit viel produzierendem Gewerbe mehr Infektionen als an Orten mit einem starken Dienstleistungssektor. Der in der Pandemie beobachtete Zusammenhang zwischen Wohlstand und dem Infektions-/Sterberisiko ist dabei nach Angaben des RKI kein rein deutsches Phänomen. Studien aus zahlreichen Ländern zeichnen ein ähnliches Bild. 

Die Studienautoren klagen, dass soziale Faktoren in der Diskussion um das Virus und der Vorbereitung  auf künftige Pandemien kaum beachtet würden. Daher schlagen Sie eine reihe an Impulse für künftige Notsituationen vor. 

Gesundheitsschutz verbessern 

Die Autoren mahnen, dass die Verfügbarkeit von Daten dringend verbessert werden müsse. Während der Covid-19 Pandemie seien viele wichtige Erkenntnisse erst mit deutlicher Verzögerung gewonnen worden. Gerade die Krankenkassendaten hätten wertvolle Einblicke in die gesundheitliche Versorgungslage bieten können. Mit der umfassenden Verfügbarkeit von Gesundheits- und Sozialdaten ließe sich schneller auf spezifische Notlagen reagieren. 

Bei der Eindämmung des Virus habe laut der Forschenden die Tätigkeit im Homeoffice eine große Rolle gespielt. Daher müssten die Möglichkeiten für die Arbeit von zu Hause ausgebaut und  verbessert werden. Berufsgruppen, die diese Möglichkeit nicht haben, sollten besser geschützt werden. Das gelte vor allem für besonders vulnerable Gruppen wie ausländische Beschäftigte, die in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind. 

Außerdem bräuchte es mehr Präventionsangebote, die sich an der Lebensrealität der Menschen orientieren. So hätten sich beispielsweise mehrsprachige Impf- und Testangebote, die sich gezielt an Migrantinnen und Migranten richten, vielfach bewährt. Entsprechende Angebote seien überall dort sinnvoll, wo die üblichen Maßnahmen zu wenige  Menschen erreichen. 

Ungleiche Gesundheitschancen auch nach der Pandemie 

Die Studienautoren wünschen sich eine Stärkung des Öffentliche Gesundheitsdiensts (ÖGD), da dieser für die Umsetzung von Gesundheitsangeboten prädestiniert sei. Politik und Gesellschaft sollten die Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheit zu einem priorisierten Ziel erklären. Dazu müsse der ÖGD mit entsprechendem Personal und anderen Ressourcen ausgestattet werden. 

Die Forschenden mahnen, dass das Thema der gesundheitlichen Ungleichheit in akuten epidemischen Lagen dringend besser erforscht werden müsse. So ließen sich neue Schutzmaßnahmen entwickeln und die Wirksamkeit der bereits genutzten Maßnahmen evaluieren. 

Das RKI betont außerdem, dass sich die gesundheitliche Ungleichheit nicht nur auf die Corona-Pandemie beschränkt. Eine Verbesserung der gesundheitlichen Chancengerechtigkeit könnte die Resilienz der Gesellschaften gegenüber Gesundheitsgefahren insgesamt verbessern und sei auch aus ethischen Gründen geboten. 

Mehr von Avoxa