| Theo Dingermann |
| 03.07.2026 14:00 Uhr |
Wenn eine Grünfläche eine höhere Schnitthöhe hat, bedeutet das nicht automatisch einen positiven Effekt für die Insektenzahl. / © Shutterstock/Scott Habermann
Wer längere Strecken mit dem Auto fährt, kann an der Verschmutzung der Windschutzscheibe sehen, wie stark die Zahl der Insekten in den vergangenen Jahren abgenommen hat. Mit diesem Umweltproblem hat sich ein Team um Dr. Johanna Berger vom Ecological Network der Technischen Universität Darmstadt auseinandergesetzt. In der Fachzeitschrift »Ecological Solutions and Evidence« stellen die Forschenden die Online-Anwendung »The Insect Calculator« vor, mit deren Hilfe Laien ebenso wie Fachleute berechnen können, welche Auswirkungen das Mähen von Grünflächen auf die Dichte und Artenvielfalt von Insekten und Spinnen hat.
Die Forschenden kombinierten 1686 standardisierte Saugproben aus 20 Untersuchungsregionen in Deutschland und der Schweiz mit insgesamt mehr als 475.000 erfassten Individuen aus zehn Arthropodengruppen. Dabei berücksichtigten sie sowohl landwirtschaftlich genutzte Wiesen als auch städtische Grünflächen, Straßenränder und Parks.
Die Modelle integrieren Einflussgrößen wie den Zeitpunkt und die Häufigkeit des Mähens, Gerätetypen, Schnitthöhen, Arbeitsbreite, Flächengröße sowie den Grad der Versiegelung im Umfeld der gemähten Fläche. Diese daraus abgeleiteten statistischen Vorhersagen landeten direkt in der Webanwendung.
Die zentrale Botschaft fällt eindeutig aus: Nicht das Mähgerät ist das Hauptproblem, sondern das Mähen selbst. Unabhängig von der eingesetzten Technik fanden sich auf ungemähten Wiesen durchschnittlich 73 Prozent mehr Arthropoden als auf gemähten Flächen (265 gegenüber 122 Individuen pro Quadratmeter). Parallel dazu sank die modellierte Artenzahl der untersuchten Tiergruppen um rund 42 Prozent. Die Forschenden sehen darin den stärksten Einzelprädiktor für den Rückgang der Biodiversität in Grünlandökosystemen.
Innerhalb der verschiedenen Mähverfahren zeigten sich jedoch auch deutliche Unterschiede. Balkenmäher erwiesen sich als die vergleichsweise schonendste Technik und führten zu den höchsten verbleibenden Arthropodendichten. Ebenfalls relativ günstig schnitten moderne sogenannte Eco-Mäher sowie Kreiselmäher ab. Deutlich problematischer waren Mulchgeräte, Sichelmäher, klassische Rasenmäher und Motorsensen. Insbesondere Mulcher reduzierten die Arthropodendichte gegenüber Balkenmähern erheblich.
Die Forschenden führen dies vor allem auf hohe Rotationsgeschwindigkeiten und den zerkleinernden Schneidmechanismus zurück, der die Mortalität vieler Insekten deutlich erhöht. Allerdings reagieren einzelne Tiergruppen unterschiedlich: Während beispielsweise Wanzen, Zikaden oder Heuschrecken besonders stark profitieren, wenn Balkenmäher zum Einsatz kommen, ist das bei Ameisen aufgrund ihrer kolonialen Lebensweise nicht der Fall.
Auch die Mähfrequenz beeinflusst die Biodiversität, allerdings weniger stark als der eigentliche Mähvorgang. Mit zunehmender Zahl jährlicher Schnitte nahmen vor allem Zikaden, Wanzen und Heuschrecken deutlich ab. Andere Gruppen wie Spinnen oder Zweiflügler reagierten dagegen vergleichsweise wenig empfindlich.
Überraschend ist, dass obwohl eine höhere Schnitthöhe häufig als Naturschutzmaßnahme empfohlen wird, diese keinen konsistent positiven Effekt auf die Vegetationsbewohner hat. Dagegen erwies sich die Arbeitsbreite der Maschinen als relevanter Einflussfaktor.
Mit zunehmender Versiegelung im Umfeld einer Grünfläche nahm die Arthropodendichte deutlich ab. Zwischen vollständig unversiegelten Standorten und Flächen mit 90 Prozent versiegelter Umgebung lagen die Unterschiede bei nahezu 40 Prozent. Besonders empfindlich reagierten wiederum Zikaden und Spinnen, während einzelne Gruppen wie Ameisen oder einige Wanzenarten sogar höhere Dichten in stärker urbanisierten Bereichen erreichten. Die Ergebnisse verdeutlichen damit, dass nicht allein die lokale Pflege, sondern auch die Einbettung einer Fläche in die Landschaft über ihren ökologischen Wert entscheidet.
Der Online-Insekten-Rechner bietet zwei Nutzungsmodi. Ein einfacher »Walking Mode« richtet sich an interessierte Bürger und erlaubt bereits mit wenigen Angaben Vorhersagen zur Insektenvielfalt einer Wiese. Der umfangreichere »Expert Mode« ermöglicht Fachanwendern, sämtliche Bewirtschaftungsparameter individuell zu variieren und deren kombinierte Auswirkungen auf Arthropodendichte und Artenzahl unmittelbar zu berechnen. Eine Schnittstelle zu »iNaturalist« zeigt potenziell vorkommende Arten mit Fotos. Damit verbindet das System wissenschaftliche Modellierung, Umweltbildung und digitale Biodiversitätskommunikation.
Die Forschenden weisen allerdings ausdrücklich auf die Grenzen ihres Ansatzes hin. Die Modelle beruhten auf linearen Vorhersagen und könnten komplexe Wechselwirkungen zwischen allen Umweltfaktoren nur eingeschränkt berücksichtigen, heißt es. Ebenso fehlen bislang Parameter wie Beweidungsintensität, Düngung, Witterung oder nachgelagerte Ernteprozesse.
Für sozial lebende Ameisen oder stark aggregiert auftretende Blattläuse sind Vorhersagen zudem grundsätzlich schwieriger als für andere Arthropodengruppen. Trotz dieser Einschränkungen erreichten die Modelle für die meisten untersuchten Tiergruppen eine gute Vorhersagegenauigkeit.