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Medizinisches Design
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Prothese als Hingucker

Sogenannte expressive Prothesen sind auf dem Vormarsch. Diese Design-Objekte sollen der Individualität des Trägers Ausdruck verleihen und die Akzeptanz von Behinderung in der Gesellschaft verbessern. Doch das funktioniert nicht in jeder Kultur.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 24.08.2020  09:00 Uhr

Kultur bestimmt die Haltung

An dieser Stelle kommen Vlachaki zufolge nun die expressiven Prothesen ins Spiel. Sie könnten dabei helfen, die gesellschaftliche Einstellung zu verändern. Oft würden beim Thema Behinderung und Beeinträchtigung negative Konnotationen mitschwingen, und je nach Kultur, ist die Haltung zu Prothesen unterschiedlich. So gibt es in individualistischen Gesellschaften generell weniger Stigmatisierung. In kollektiven Gesellschaften dagegen, wo die Harmonie der Gruppe und weniger die Individualität zählt, sieht das anders aus.

Den kulturellen Effekt hat Vlachaki zusammen mit anderen Wissenschaftlern der Loughborough University in ihrer Untersuchung noch etwas genauer betrachtet und dafür mit Trägern aus beiden Gesellschaftsformen gesprochen. Großbritannien diente ihr dabei als Vertreter für eine individualistische - und Griechenland für eine kollektive Gesellschaft. Dabei hat sich gezeigt, dass expressive Prothesen für alle Befragten attraktiver waren und das Selbstbewusstsein der Träger im Vergleich zu konventionellen Modellen deutlich gestärkt haben. Und mehr noch: Die Design-Stücke haben sich als nützlich für ihre Träger erwiesen, um mit Nicht-Trägern ins Gespräch zu kommen und mit ihnen über die Bedeutung des Verlusts von Gliedmaßen zu sprechen.

Vorsicht in kollektiven Gesellschaften

Speziell im Vereinigten Königreich haben sich die Accessoires nicht nur als Eisbrecher in der Kommunikation bewährt, sondern auch als Möglichkeit, ein persönliches Statement zu setzen und deutlich mehr positive Reaktionen von Mitmenschen zu erfahren. »Vorsicht ist im Fall kollektiver Gesellschaften geboten«, warnt allerdings Vlachaki. Expressive Prothesen könnten dort die Stigmatisierung anheizen. In Griechenland geht es also insbesondere darum, das Unbehagen im Umgang mit Prothesen-Trägern aus der Welt zu schaffen, ohne dabei mit zu originellen Kreationen noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das ist ein schmaler Grat, weil es dort im Sinne des Gruppengedankens wichtiger für den Einzelnen ist, möglichst nicht zu sehr aufzufallen.

Grundsätzlich haben Vlachakis Forschungen gezeigt, dass expressive Prothesen positive Effekte sowohl auf Selbstbewusstsein der Träger als auch auf deren Akzeptanz in der Gesellschaft haben. Der nächste Schritt wäre, so hofft die Wissenschaftlerin, dass sich vor diesem Hintergrund künftig noch mehr Designer angesprochen fühlen und sich der Gestaltung weiterer Medizinprodukte annehmen.

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