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Hamburger Gesundheitszentren
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Pharmazeutische Perspektive beachten

Am 15. November 2019 meldete die Stadt Hamburg: »Gleiche Gesundheitschancen für Patientinnen und Patienten in Hamburg. Senat fördert in Quartieren mit besonderem sozialen Unterstützungsbedarf sieben lokale Gesundheitszentren.« Was hat es damit auf sich, wie weit ist man bis heute gekommen? Und was hat das mit Pharmazie zu tun?
AutorKontaktUdo Puteanus
Datum 15.02.2021  07:00 Uhr
Kommentar: Lokale Gesundheitszentren und Pharmazie zusammen denken!

Kommentar: Lokale Gesundheitszentren und Pharmazie zusammen denken!

Aufgrund der bisher gewonnenen Erkenntnisse aus den Projekten zur AMTS sowie aus den Erfahrungen aus dem Ausland gibt es viele Gründe, warum pharmazeutisches Know-how beim Aufbau der Gesundheitszentren mitgedacht werden sollte.

  • Arzneimitteltherapiesicherheit: Inzwischen ist durch viele Untersuchungen belegt, dass mit einer guten interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen allen am Medikationsprozess Beteiligten die besten Erfolge für Patienten erzielt werden. Vor allem in angelsächsischen Ländern hat man dies erkannt und dafür gesorgt, dass Apotheker entweder Teil eines Praxisteams werden; oder sie werden in Gesundheitszentren integriert, indem sie dort zu festen Zeiten oder auf Anforderung zur Lösung von arzneimittelbezogenen Problemen eingesetzt werden.
  • Unterstützung von Pflegefachkräften: Pflegefachkräfte benötigen ein fundiertes Wissen über Arzneimittel, wollen sie ihre Aufgabe der Versorgung inklusive Vergabe der Arzneimittel und der Therapiebeobachtung sachgerecht erfüllen. Dies ist aber nur selten der Fall. Deshalb brauchen sie direkte Ansprechpartner, die sie unterstützen und beraten können. Auch hier zeigt ein Blick in andere Länder, dass es Apotheker sind, die sich hier anbieten und genutzt werden.
  • Apotheken als Sensoren für Probleme im Quartier: In den Stadtteilen der größeren Städte stehen in der Regel Apotheken für die Bevölkerung zur Verfügung. Sie sind vor Ort verankert, genießen hohes Vertrauen in der Bevölkerung und kennen die Probleme, mit denen sich die Menschen herumschlagen (müssen). Oftmals sprechen die Mitarbeiter der Apotheken auch die Sprachen, die vor Ort verbreitet sind, und bekommen so einen guten Zugang zu den Menschen. Ein Gesundheitszentrum, das den Anspruch hat, in die Quartiere hineinzuwirken und problematische Verhältnisse zu verbessern, sollte nicht auf dieses gut informierte und gut ausgebildete Personal in Apotheken verzichten. 
  • Selbstmedikation: Sozial Benachteiligte mit wenig finanziellen Ressourcen haben Probleme, diese Arzneimittel zu kaufen. Entweder verzichten sie deshalb darauf oder die Ärzte verordnen schon mal höher dosierte Arzneimittel, die unter Verschreibungspflicht fallen, aber eigentlich nicht angemessen wären. Beides ist für die betroffenen Patienten nicht gut. Die Hamburger Gesundheitszentren könnten Erfahrungen bestehender Selbstmedikationshilfen in Städten wie Eisenach, Fröndenberg, Dülmen oder München aufgreifen und weiterentwickeln, wobei es ohne Apotheke nicht gehen wird. Denn diese haben die Übersicht über den Arzneimittelmarkt, sie wissen, was evidenzbasierte Selbstmedikation ist, und können denjenigen Hilfestellung geben und Mut machen, die bislang noch keine ärztliche Unterstützung in Anspruch nehmen wollen oder können. 

Sicherlich wird es weitere Bereiche geben, wo pharmazeutisches Fachwissen oder die soziale Bedeutung von Apotheken in Quartieren für den Versorgungsauftrag der geplanten Gesundheitszentren hilfreich wäre. Der Aufbau der Hamburger Gesundheitszentren bietet die Möglichkeit zu zeigen, wie beides zusammen gedacht und zu einem guten Angebot für die Nutzer der Gesundheitszentren entwickelt werden kann.

Dr. Uwe Puteanus, Münster

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