EPO provoziert Herzinfarkt und Schlaganfall |
| 21.06.1999 00:00 Uhr |
Wer mißbräuchlich Medikamente einnimmt, um seine sportlichen Leistungen in die Höhe zu schrauben, dem droht nicht nur eine Disqualifikation. Gerade Doping mit dem körpereigenen Hormon Erythropoietin kann den Kreislauf gefährlich ins Straucheln bringen. Wir fragten Professor Dr. Walter Schmidt, Sportmediziner an der Universität Bayreuth, wie der Körper auf den Arzneistoff reagiert.
PZ: Welche unerwünschten Nebenwirkungen kann Doping mit EPO auslösen?
Schmidt: Der Hämatokrit steigt nach EPO-Gabe sehr stark an, was von den Sportlern ja erwünscht ist. Dadurch erhöht sich die Blutviskosität. Das hat Auswirkungen auf die Gehirndurchblutung und möglicherweise auch die der anderen Organe. Für das Gehirn liegt der optimale Hämatokrit bei 35 bis 40 Prozent; dann wird das Gehirn optimal mit Sauerstoff versorgt. Die Gehirndurchblutung nimmt mit steigendem Hämatokrit jedoch ab. Im Muskel liegt der optimale Wert wesentlich höher. Der physiologische Hämatokrit ist also ein Kompromiß zwischen dem was der Muskel braucht und was das Gehirn gerne hätte. Auch die Gerinnungsneigung nimmt zu, wenn EPO gegeben wird. Wenn das Blut aufgrund des hohen Hämatokrit langsam durch die Beinvenen fließt, und das Blut zudem leichter gerinnt, dann kann es leicht zu Thrombosen, Schlaganfall oder einem Herzinfarkt kommen.
PZ: Wie zuverlässig ist der Hämatokrit als Marker für EPO?
Schmidt: Bis zu 5 Prozent aller Deutschen haben einen physiologischen Hämatokrit von rund 50 Prozent. Man kann also nicht pauschal sagen, jeder Mensch mit Werten über 50 Prozent ist prinzipiell gedopt. Zudem hängt der Hämatokrit auch vom Flüssigkeitsanteil des Blutes ab. Das bedeutet: Immer wenn ich das Plasmavolumen verändere, ändert sich auch der Hämatokrit, und das passiert im normalen Alltag ständig. Deutliche Schwankungen sind also vorprogrammiert.
PZ: Wie kann der Sportler EPO-Doping verschleiern?
Schmidt: Wenn ich Natrimchlorid-haltige Flüssigkeit zu mir nehme, erhöhe ich das Plasmavolumen und der Hämatokrit fällt ab. Das geht nach Infusionen sofort, nach peroraler Gabe dauert es etwa eine halbe Stunde. Wer viel trinkt, oder Flüssigkeit parenteral zuführt kann seinen Hämatokrit also schnell senken. Eine weitere Möglichkeit ist, die Beine hochzulegen, damit Flüssigkeit aus dem intrazellulären Raum in die Gefäße zurück diffundiert. Dadurch sinken die Werte natürlich auch schnell. Aber das wirkt nur kurzfristig und die Werte normalisieren sich nach dem Aufstehen wieder sehr schnell.
Professor Dr. Walter Schmidt ist Sportmediziner und Physiologe am Institut für
Sportwissenschaft an der Universität Bayreuth. Seine Forschungsschwerpunkte sind
physiologische Anpassungsmechanismen des Stoffwechsels und des Herzkreislaufsystems an
akute Belastung und langfristiges Training. Er untersucht insbesondere die Einflüsse von
Sauerstoffmangel (Höhentraining, ständiger Aufenthalt in der Höhe),
Ernährungsverhalten und Flüssigkeitsmangel auf die Leistungsfähigkeit.
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