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Alpha-Liponsäure bei diabetischer Polyneuropathie

Datum 03.03.2003  00:00 Uhr

Alpha-Liponsäure bei diabetischer Polyneuropathie

von Eva Melzer, München

Eine optimale Stoffwechselführung ist Grundvoraussetzung, um diabetische Spätfolgen zu vermeiden. Eine einmal aufgetretene diabetische Polyneuropathie lässt sich durch eine gute Blutzuckereinstellung jedoch nicht mehr beeinflussen. Beachtliche Erfolge verspricht hingegen der Einsatz von Alpha-Liponsäure.

Häufig ist ein harmloses Kribbeln in den Füßen oder ein Gefühl, als ob man auf Watte liefe, das Erste, was ein Diabetes-Patient von einer Polyneuropathie spürt. Fatal, denn diese Symptome werden allzu häufig lange Zeit nicht ernst genommen oder gar ignoriert. Erst wenn der Fuß scheinbar aus heiterem Himmel schlecht heilende Wunden aufweist oder sich dunkel verfärbt, suchen Betroffene ärztlichen Rat.

Ausgelöst durch eine mangelhafte Versorgung innerhalb der Nervenzellen, treten zunächst Funktionsstörungen und später Degenerationen bis hin zum Axonuntergang auf. Der Patient nimmt diesen Prozess zunächst in Form von Brennen, Schmerzen oder Störungen des Tastsinns, so genannten Parästhesien, wahr. Diese Symptome werden bereits durch unterschwellige Reize ausgelöst oder entstehen spontan ohne äußeren Einfluss. Im weiteren Verlauf der Erkrankung signalisieren herabgesetzte Berührungs-, Schmerz- und Temperaturempfindungen den Funktionsausfall der betroffenen Nervenleitbahnen. Hier offenbart sich die Tücke dieser Störung: Durch das eingeschränkte Empfindungsvermögen bemerkt der Patient nicht, wenn Druckstellen, Rötungen oder Blasen entstehen. Auch kleine Risse der Haut bleiben unentdeckt. Unbehandelt entwickeln sich derartige Bagatellverletzungen über Ulzera bis hin zum Gangrän – eine Amputation droht.

Damit es erst gar nicht soweit kommt, sind eine tägliche Pflege und Selbstbeobachtung der Füße sowie geeignetes Schuhwerk erforderlich. Bei der Therapie steht zunächst die gute Stoffwechselführung des Diabetikers im Vordergrund, wenngleich inzwischen wissenschaftlich belegt ist, dass selbst eine normnahe Blutzuckereinstellung das Fortschreiten der Nervenschädigungen nicht aufhalten kann.

Die Therapiemöglichkeiten beschränkten sich bislang auf den Einsatz trizyklischer Antidepressiva, Antikonvulsiva oder stark wirksamer Analgetika, um die teils massiven Schmerzzustände zu beherrschen. Auf Grund der ausgeprägten Nebeneffekte und der ausschließlich symptomatischen Wirkungsweise eignen sich diese Stoffe jedoch nur für eine vorübergehende Anwendung.

Mit dem Antioxidans Thioctsäure (Alpha-Liponsäure) steht nun eine Substanz zur Verfügung, die nicht nur symptomatisch wirkt, sondern auch durch Radikalbindung und Komplexierung von Metall-Ionen in die pathophysiologischen Mechanismen eingreift. Dadurch verbessert sie die Blutversorgung der Nerven. Die Ergebnisse einer bislang unveröffentlichten Metaanalyse, die vier randomisierte kontrollierte Doppelblindstudien mit insgesamt 1258 Diabetikern umfasst, stellte Professor Dr. Dan Ziegler, Düsseldorf, auf einem Presseworkshop in München vor. Wie die Analyse zeigt, reduziert eine dreiwöchige Infusionstherapie mit 600 mg Alpha-Liponsäure täglich (mit Pausen an den Wochenenden) die Hauptsymptome wie Schmerzen, Parästhesien, Taubheits- und Kribbelgefühl signifikant. Auch funktionelle Defizite wie Muskelreflexe konnten während der dreiwöchigen Beobachtungsdauer positiv beeinflusst werden. Sind jedoch im Verlauf der Erkrankung bereits irreversible Degenerationen und Funktionsverluste an den Nervenfasern aufgetreten, lässt sich die Funktion auch durch Alpha-Liponsäure nicht zurückgewinnen.

Die gute Verträglichkeit der Alpha-Liponsäure erwies sich in der Metaanalyse als maßgeblicher Vorteil gegenüber den oben genannten symptomatischen Therapiemaßnahmen. Weitere Untersuchungen, inwieweit sich die Substanz für eine orale Therapie bei diabetischer Polyneuropathie eignet, laufen derzeit. Erste Ergebnisse hierzu werden jedoch erst in einigen Jahren erwartet. Top

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