Regelmäßiges Sodbrennen ist keine Befindlichkeitsstörung |
| 22.01.2001 00:00 Uhr |
Wir essen zu viel, zu spät und zu fett, so die Feststellung von Professor Dr. Wolfgang Rösch von der Medizinischen Klinik am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt. Die Folge: Sodbrennen. Einer der berühmtesten "Sodbrenner" sei der ehemalige Präsident der USA, Bill Clinton. Diese Tatsache habe das Thema auch für die Medien interessant gemacht.
In der Tat erkranken heute immer mehr Menschen an Refluxkrankheiten. Die Fallzahlen von Ulcus duodeni und ventriculi nähmen dagegen ab. Sodbrennen galt früher als eine harmlose Befindlichkeitsstörung. Heute ist die Empfehlung des Gastroenterologen: Wenn zwei- bis dreimal wöchentlich Sodbrennen auftritt, sollte der Arzt aufgesucht werden. Er muss abklären, ob der Ösophagus geschädigt ist.
Bei den Refluxkrankheiten unterscheidet man heute die Refluxösophagitis, die mit Verätzungen der Speiseröhre einher geht, von der symptomatischen Refluxkrankheit, bei der ohne organischen Schaden nur das Sodbrennen auftritt. Die Bevölkerung sei darüber noch zu wenig aufgeklärt. Nur ein Drittel wäre ausreichend über Sodbrennen informiert. So sei durchaus schon geschehen, dass ein Refluxkranker mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankhaus geschickt wurde, weil er unter dem Brustbein starke Schmerzen spürte.
Zu den säureinduzierten Krankheiten zählt Rösch auch die Dyspepsie, die durch Schmerzen im Oberbauch und Aufstoßen charakterisiert werde und keine organischen Befunde habe. Erst bei chronischem Verlauf empfiehlt Rösch die endoskopische Abklärung, insbesondere bei Patienten über 45 Jahren.
Bei der Therapie der funktionellen Dyspepsie haben sich die Antacida laut Rösch weniger bewährt. Er empfahl die H2-Blocker, die allerdings erst nach 30 Minuten wirken. Antacida, vor allem das Natriumbicarbonat, wirke viel schneller, so dass Überlegungen angestellt würden, beide zu kombinieren. Auf die Frage Gel oder Tablette antwortete Rösch, dass die Tablette die idealere Applikationsform sei, wenn man sie lutschen würde. Rösch wies ausdrücklich darauf hin, dass in den vorliegenden Studien der Placeboeffekt mit 13 bis 73 Prozent relativ hoch sei. Auch die Diskussion um die Neutralisationskapazität der einzelnen Antacida hält Rösch für überzogen: "In der Selbstmedikation können Sie nehmen, was sie wollen." Beachten müsste der Apothekern allerdings die möglichen Interaktionen mit anderen Arzneimittel.
Die Entscheidung, die H2-Blocker zur Selbstmedikation freizugeben, habe er
mit unterstützt, weil damit 40 Prozent der Kosten bei diesem Krankheitsbild eingespart
werden könnten. Die Eradikation von Helicobacter pylori im Zusammenhang mit funktioneller
Dyspepsie hält der Frankfurter Gastroenterologe für überflüssig.
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