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Sparsamer Weg aus der Sucht

Datum 20.03.2000  00:00 Uhr

- Pharmazie Govi-Verlag

ACAMPROSAT

Sparsamer Weg aus der Sucht

von Ulrike Wagner, Friedrichsruhe

Seit vier Jahren ist Acamprosat (Campral) in Deutschland zur Therapie von Alkoholabhängigen zugelassen. Mehrere Studien hatten gezeigt, dass trockene Alkoholiker seltener wieder zur Flasche greifen, wenn sie das Medikament einnehmen. Neue Daten weisen nun darauf hin, dass eine Therapie mit dem Glutamat-Antagonisten geringere Kosten verursacht als die Betreuung der Patienten ohne den Wirkstoff. Das Ergebnis präsentierte Professor Dr. Dr. Reinhard Rychlik vom Institut für empirische Gesundheitsökonomie, Burscheid, während eines Pressegesprächs von Merck am 14. März.

In einer Kohortenstudie beobachteten Rychlik und seine Mitarbeiter von Januar 1998 bis September 1999 im gesamten Bundesgebiet mehr als 800 Alkoholpatienten. Die Wissenschaftler verglichen dabei zwei Gruppen. 540 Patienten erhielten unmittelbar nach der Entgiftungsphase eine adjuvante Therapie mit Acamprosat, 274 Alkoholkranke nahmen keine zusätzlichen Medikamente zur Prävention von Rückfällen ein. Das Hauptziel der Studie war, die direkten Therapiekosten der Erkrankung selbst sowie der Begleiterkrankungen zu ermitteln.

Obwohl die Arzneimittelkosten pro Patient in der Acamprosat-Kohorte etwa dreimal so hoch wie in der Vergleichskohorte waren, ergaben sich in dieser Gruppe insgesamt niedrigere Kosten. Ausschlaggebend waren die Ausgaben für Krankenhausaufenthalte. Während der Studie waren 22,3 Prozent der Patienten, die kein Acamprosat erhielten, wegen der Alkoholkrankheit oder einer Begleiterkrankung in eine Klinik überwiesen worden, aber nur 11,5 Prozent der Patienten, die das Medikament eingenommen hatten. Deutliche Vorteile zeigte die medikamentöse Therapie bei den Gesamtkosten bezogen auf den Dokumentationszeitraum vom ersten Arztbesuch bis zur Abschlusserhebung. Hier betrugen die Ausgaben in der Acamprosat-Kohorte 9500 DM gegenüber 19200 DM in der Vergleichskohorte.

Studie bestätigt Wirksamkeit

Die Kohortenstudie bestätigte auch die Wirksamkeit von Acamprosat. 33 Prozent der Patienten, die den Wirkstoff einnahmen, blieben abstinent, gegenüber 21 Prozent aus der Vergleichsgruppe. In der PRAMA-Studie (Prevention of Relapse with Acamprosate in the Management of Alcoholism), deren Ergebnisse zur Zulassung des Medikaments beigetragen hatten, waren 43 Prozent der Patienten, die das Medikament erhalten hatten, nach einem Jahr noch trocken. Unter Placebo widerstanden nur 21 Prozent dem erneuten Griff zur Flasche. An der Untersuchung hatten 272 alkoholabhängige Patienten in zwölf deutschen Zentren teilgenommen. Während eines 48-wöchigen Behandlungszeitraums hatten sie neben der in den einzelnen Zentren üblichen psychosozialen Betreuung Acamprosat oder Placebo erhalten.

Bei dem Wirkstoff handelt es sich um das Calciumsalz der Acetamido-Propansulfonsäure (Calcium-acetyl-homotaurinat), ein Derivat des Taurins mit Ähnlichkeiten zur g -amino-Buttersäure, erklärte Professor Dr. Dr. Ernst Mutschler, Frankfurt am Main. Die Substanz bringe das bei Alkoholabhängigen gestörte Gleichgewicht zwischen glutamaterger und GABA-erger Erregungsübertragung wieder ins Lot.

Alkohol dämpft die Nerven

Die Experten gehen davon aus, dass Alkohol den Ionenfluss durch den glutamatergen NMDA-Rezeptor hemmt. Dadurch werden zu stark stimulierte Zellen gedämpft, Ursache der beruhigenden und angstlösenden Wirkung des Alkohols. Gewöhnt man sich an größere Mengen Ethanol, erhöhen die Nervenzellen die Zahl der NMDA-Rezeptoren, damit sie den gewohnten Ionenfluss aufrechterhalten können, so die Theorie. Glutamat kann dann trotz Alkohol seine stimulierende Wirkung entfalten. Weil nun mehr NMDA-Rezeptoren als zuvor vorhanden sind, sind die Zellen latent stärker erregbar. Wenn der Alkoholiker jetzt keinen Alkohol zu sich nimmt, kommt es zu den typischen Entzugserscheinungen wie Krampfanfällen, Schweißausbrüchen und Unruhe. Der Alkoholpatient hat ein schier unstillbares Verlangen nach Alkohol (Craving).

Acamprosat greift in das Geschehen ein, indem es an den NMDA-Rezeptor bindet, die Glutamatwirkung verringert, den Calciumeinstrom in die Zelle hemmt und so deren Übererregbarkeit verringert. Indirekt erhöht es zudem die GABA-erge Neurotransmission an GABAA-Rezeptoren, wodurch sich das anfallhafte heftige Verlangen nach Alkohol mildert. Die Verordnungsdauer sollte zwischen sechs und zwölf Monaten nach der Entgiftung liegen, da währenddessen die höchste Rückfallgefährdung besteht. Die Firma Merck, Darmstadt, hatte im Herbst 1999 den Galenus-von-Pergamon-Preis für Acamprosat erhalten.

Suchtmedizinische Versorgung

Ein großes Problem bei Alkoholkranken ist, dass die Abhängigkeit erst sehr spät erkannt und auch nur selten vom Hausarzt thematisiert wird. Sucht ein Abhängiger Hilfe, ist der Allgemeinmediziner meistens die erste Adresse. Niedergelassene Ärzte und auch deren Kollegen im Krankenhaus seien aber kaum auf diese Aufgabe vorbereitet, erklärte Dr. Heribert Fleischmann vom Bezirkskrankenhaus Wöllershof in Neustadt an der Waldnaab. Die Bundesärztekammer führte daher im Herbst 1998 die Fachkunde "Suchtmedizinische Grundversorgung" ein. Bisher haben etwa 3000 Ärzte an den Weiterbildungsveranstaltungen teilgenommen, 228 schlossen die Weiterbildung ab. Bei etwa 5,8 Millionen Menschen in Deutschland, die regelmäßig große Mengen Alkohol konsumieren und 1,5 Millionen eindeutig Alkoholabhängigen ist das zwar ein Anfang, reicht aber nicht aus, um alle Alkoholiker zu betreuen.

Hilfe im Internet

Die Firma Merck bietet Hilfesuchenden und Interessenten - Fachleuten und Laien - im Internet unter www.medizinpartner.de/Forum+Alkoholkrankheit eine Vielzahl an Informationen. So findet sich dort zum Beispiel eine ausführliche Liste von Organisationen und Verbänden, die weiterhelfen. Außerdem kann man dort im CAGE-Test selbst herausfinden, ob man ein Alkoholproblem hat. Auch Ärzte setzen diesen Test ein. Schon wenn eine Frage mit "ja" beantwortet wird, besteht Verdacht auf Abhängigkeit.

CAGE-Test Haben Sie erfolglos versucht, Ihren Alkoholkonsum einzuschränken (Cut down)? Ärgern Sie sich über kritische Bemerkungen Ihrer Umgebung wegen Ihres Alkoholkonsums (Annoyed by criticism)? Fühlen Sie sich schlecht oder schuldig wegen des Trinkens (Guilt)? Brauchen Sie morgens Alkohol, um erst richtig leistungsfähig zu werden (Eye opener)?

Merck bringt außerdem zweimal im Jahr eine Broschüre für Patienten mit Alkoholproblemen und deren Angehörige heraus. "TrockenZeit" kann bei Medizin & PR GmbH, Im Klapperhof 33a, 50670 Köln, Telefon 0221/775430, Fax 0221/77543-21 auch für Apothekenkunden angefordert werden. Unter der gleichen Adresse kann man einen Notfallplan bestellen. In Scheckkartengröße passt er in jede Brieftasche und soll bei einem Rückfall helfen, Ruhe zu bewahren und sich schnell wieder aufs Trockene zu retten. Auszüge aus der Broschüre TrockenZeit finden sich auch auf oben genannter Website.  Top

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