Rindenextrakt lindert Schmerzen im Rücken |
| 27.11.2000 00:00 Uhr |
Weidenrindenextrakte lindern akute Beschwerden bei chronischen Rückenschmerzen effektiver als Placebo und sind ähnlich wirksam wie Rofecoxib. Zu diesem Ergebnis kommen Studien, die im Oktober beim Internationalen Phytomedizin-Kongress in München diskutiert wurden.
Das Deutsche Arzneibuch und die Monographie der Kommission E sind nicht wählerisch: Zur Gewinnung von Weidenrindenextrakten sind alle Weidenarten zugelassen, deren Rinde mindestens 1 Prozent Gesamtsalicin (bezogen auf die wasserfreie Droge) enthält. Besonders Salix daphnoides und S. purpurea enthalten größere Mengen Salicin-Derivaten, erklärte Professor Dr. Adolf Nahrstedt, Münster. Diese phenolischen glykosilierten Verbindungen gelten als "natürliche Prodrugs", die im Darmtrakt in Saligenin (Salicylakohol) und Glucose gespalten werden. Erst nach Resorption wird Saligenin zur therapeutisch aktiven Salicylsäure oxidiert, die die Prostaglandinsynthese hemmen soll.
Weitere Inhaltsstoffe, die bis zu 5 Prozent der getrockneten Rinde ausmachen können, sind Gerbstoffe und Flavonoide. Ob diese zur Wirksamkeit des Extraktes beitragen, ist unklar.
Salicylsäure inhibiert die Cyclooxygenase-2 stärker als das Isoenzym COX-1, sagte Nahrstedt. Der nukleäre Transkriptionsfaktor NF-kB, der ebenfalls an Entzündungsprozessen beteiligt ist, werde in vitro in sehr hohen Dosen gehemmt, die aber therapeutisch nicht relevant sind. Einen Effekt auf den Tumornekrosefaktor TNF-a hält Nahrstedt für möglich, doch die Untersuchungen seien noch nicht publiziert.
Auch Professor Dr. Lutz Heide aus Tübingen bezweifelt, dass Salicin die wirksamkeitsbestimmende Substanz ist. In einer pharmakokinetischen Studie erhielten zehn gesunde Probanden Weidenrindenextrakt entsprechend 240 mg Salicin. Der Salicylsäurespiegel im Blut lag bei maximal 10 mmol/l - zu wenig, um die analgetische Wirkung erklären zu können. Zum Vergleich: Nach 1000 mg ASS-Einnahme werden 500 mmol/l erreicht.
Dass der Extrakt wirkt, zeigt eine klinische placebokontrollierte Studie mit 78 Osteoarthritis-Patienten, die Heide in München vorstellte. Die Patienten, die Salix-Extrakt entsprechend 240 mg Salicin erhalten hatten, empfanden nach 14 Tagen deutlich weniger Schmerzen als die Placebogruppe (gemessen in der visuellen Skala WOMAC-Schmerzindex).
In die gleiche Richtung weist eine randomisierte doppelblinde Studie über vier Wochen, die im Juli im American Journal of Medicine*) veröffentlicht und bei einer Pressekonferenz der Firmen Plantina und Bionorica erörtert wurde. 210 Patienten mit akuten Rückenschmerzen (auf Basis eines chronischen Rückenleidens) erhielten täglich entweder Extrakt mit 240 mg oder 120 mg Salicin (vier oder zwei Dragees Assalix®) oder Placebo. Bei ungenügender Linderung konnten sie auf Tramadol zurückgreifen. Als Responder galten Patienten, die in der vierten Behandlungswoche mindestens fünf Tage lang schmerzfrei waren und kein Tramadol brauchten.
191 Patienten beendeten die Studie. 39 Prozent in der "Hochdosisgruppe" und 21 Prozent in der "Niedrigdosisgruppe" wurden schmerzfrei. In der Placebogruppe erreichten nur 6 Prozent dieses Ziel. Während der gesamten Studiendauer griffen mehr Patienten unter Placebo zu Tramadol. Als unerwünschte Wirkung trat bei einem Patienten in der 120-mg-Salicin-Gruppe eine Allergie auf.
Auch mit Rofecoxib kann sich der Weidenrindenextrakt messen, berichtete Professor Dr. Sigrid Chrubasik aus Freiburg. In einer offenen Studie erhielten 228 Rückenschmerz-Patienten entweder das Phytopharmakon (240 mg Salicin) oder 12,5 mg Rofecoxib. Etwa 60 Prozent der Patienten in beiden Gruppen sprachen auf die Medikation an; knapp ein Fünftel wurde jeweils schmerzfrei. Auch in puncto Verträglichkeit und beim Arzt- und Patientenurteil gab es keine signifikanten Unterschiede, erläuterte die Ärztin. Die Kosten des Phytopharmakons lagen allerdings deutlich unter denen des synthetischen COX-2-Hemmers.
Die Monographie der European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) von 1997 empfiehlt zur Schmerzbehandlung eine Extraktmenge, die 240 mg Salicin täglich entspricht. Dies ist doppelt so viel, wie die deutsche Monographie von 1984 angibt. Die in München diskutierten Studien zeigten, dass die höhere Dosis, verteilt auf zwei Tagesdosen, besser wirkt.
Der Extrakt hat keinen Soforteffekt und ist daher nicht geeignet bei akuten Entzündungen, sagte der Orthopäde Dr. Ferry Kemper, Bad Soden. Etwa 14 Tage müsse sich der Patient gedulden, bis er eine Wirkung spürt. In dieser Zeit sei eine ergänzende Therapie angebracht. Starke entzündliche Schmerzen müssten konventionell behandelt werden.
*) Chrubasik, S., et al., Treatment of Low Back Pain Exacerbations with Willow
Bark Extract: A Randomised Double-blind Study. Am. J. Med. 109 (2000) 9 14
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