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Geschmack, Genuss und Gesundheit

Datum 13.11.2000  00:00 Uhr

WEIN

Geschmack, Genuss und Gesundheit

von Elke Wolf, Weinsberg

"Es gibt mehr alte Winzer als alte Ärzte." Manche Volksweisheit hat einen wahren Kern. Gilt es doch heute als bewiesen, dass moderater Weinkonsum das Herzinfarktrisiko deutlich reduziert. Ob man die angenehmen Wirkungen des Traubensaftes nutzen kann, ohne die schädlichen Folgen in Kauf nehmen zu müssen, darüber informierte ein "Seminar zum Genießen" der Arbeitsgemeinschaft für Pharmazeutische Verfahrenstechnik (APV).

Wer regelmäßig maßvoll Wein konsumiert, senkt sein Herzinfarktrisiko. Das haben zahlreiche wissenschaftliche Studien überzeugend belegt. Schon lange ist bekannt, dass die Mittelmeerländer, in denen relativ viel Wein getrunken wird, mit den niedrigsten Herzinfarktraten aufwarten können. Inzwischen bestätigten Wissenschaftler diese Erkenntnisse mit vielen kontrollierten Langzeitbeobachtungen.

Das zeigt zum Beispiel eine Studie deutlich, die über einen Zeitraum von zwölf Jahren angelegt war. Dabei untersuchte man die Trinkgewohnheiten und deren Einfluss auf die Gesundheit bei mehr als 13 000 Männer und Frauen zwischen 30 und 79 Jahren. Das Ergebnis: Wer nie zum Weinglas griff, hatte ein doppelt so hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden wie diejenigen, die täglich dem Beerenmost zusprachen. Im Vergleich zu den Abstinenzlern war die Herzinfarkrate sogar um 60 Prozent erniedrigt.

Regelmäßig in Maßen

Natürlich entscheidet das richtige Quantum darüber, ob Wein dem Herzen gut tut oder ob er den anderen Organen zusetzt. Die Grenzwerte für den täglichen risikoarmen Konsum liegen heute nach internationalen Empfehlungen pro Tag bei 20 g reinen Alkohol für Frauen und bei 30 bis 40 g für Männer. Allerdings gibt es auch Hinweise, dass für manche Erkrankungen wie zum Beispiel Brustkrebs ein erhöhtes Risiko auch schon unterhalb dieser Werte besteht.

Umgerechnet für den Alltag bedeutet das: Bereits mit einer Flasche Bier von 500 ml verleibt man sich eine absolute Alkoholmenge von 24 g ein, so dass der empfohlene Tageswert für Frauen schon überschritten ist. Bei zwei Flaschen Bier ist er das auch für Männer der Fall. Mit einem Glas Wein von 250 ml und einem durchschnittlichen Alkoholgehalt von 11 Volumenprozent hat man schon 27,5 g reinen Alkohol intus. Die als "gesund" ausgelobte Menge ist also schnell erreicht. Zudem haben Umfragen ergeben, dass sich fast jeder bezüglich der konsumierten Alkoholmenge unterschätzt.

Wein wirkt direkt gegen einige Pathomechanismen, die für die Entstehung von Herzinfarkt mitverantwortlich sind. Die kardioprotektive Wirkung erklärt man sich durch einen Anstieg des HDL-Cholesterins, eine Verringerung der LDL-Peroxidation, eine verminderte Blutplättchenaggregation, eine Senkung des Fibrinogens und eine gesteigerte Fibrinolyse. Allerdings gilt nach wie vor: Eine Empfehlung von Alkohol zum Schutz vor Herzinfarkt lässt sich nur unter Vorbehalt vertreten. Denn Alkohol hat hinlänglich bekannte negative Wirkungen auf die Gesundheit.

Weißwein war Rotwein überlegen

Wie sich das tägliche Gläschen in Ehren auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt, war unter anderem Ziel der Mainzer Weinstudie 1999. "Es gibt zwar schon eine Reihe von Untersuchungen zu dieser Thematik, die Teilnehmer stammten aber meist nicht aus Deutschland", informierte Dr. Ella Lachtermann von der Universität Mainz. Sie führte die Studie mit durch und stellte die Ergebnisse auf der APV-Veranstaltung vor.

90 gesunde Männer zwischen 45 und 60 Jahren wurden acht Wochen lang beobachtet. Ihre Ernährung und Laborwerte waren vergleichbar. Arzneimittel und andere Alkoholika waren tabu, höchstens fünf Zigaretten pro Tag waren erlaubt. Die Teilnehmer wurden zufällig auf drei Gruppen verteilt. Die Männer bekamen zum Abendessen entweder 0,4 Liter deutschen Spätburgunder, 0,4 Liter deutschen Riesling oder 0,4 Liter Wasser.

Nach acht Wochen stand fest, dass Weiß- und Rotwein das Risiko für eine Koronare Herzkrankheit um 20 bis 40 Prozent vermindern können. Erstaunlich: Der Weißwein veränderte die für die Gefäßprotektion verantwortlichen Blutparameter wie HDL, LDL und Fibrinogen ausgeprägter als Rotwein und trug stärker zur antioxidativen Kapazität des Körpers bei. Bisher sah man eher den Rotwein als potenteres Kardioprotektivum an, da er mehr Polyphenole enthält. Lachtermann vermutete, dass die im Weißwein enthaltenen Polyphenole aktiver sind als die im roten Beerensaft.

Alkohol oder Flavonoide für Wirkung verantwortlich?

Atherosklerose beginnt im subendothelialen Raum. Für Professor Dr. Gerhard Rechkemmer von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe stellt sich die Frage, ob die Flavonoide des Weines überhaupt im Blut in nennenswerten Mengen ankommen. Ihre Resorptionsfähigkeit sei genauso wenig geklärt wie die Frage, ob der Alkohol im Wein für die Wirksamkeit bedeutend ist oder nicht. Die Karlsruher Wein-Traubensaft-Studie unter der Leitung von Rechkemmer geht dieser Fragestellung nach. Die Studie ist derzeit noch nicht beendet; Rechkemmer informierte über interessante Zwischenergebnisse.

Um die Bioverfügbarkeit von Flavonoiden aus Rotwein (12 Volumenprozent) im Vergleich zu entalkoholisiertem Wein und Traubensaft zu untersuchen, tranken männliche Probanden morgens auf nüchternen Magen einen halben Liter eines der drei Testgetränke. Danach entnahm man Blut- und Urinproben, die mit Hilfe der HPLC-Analytik auf ihren Gehalt an Flavonoiden gerastert wurden. Im Blut waren keine Flavonoide zu finden. Erfolgreicher war da die Überpüfung des Urins, allerdings lagen die gefundenen Mengen um mehr als ein Tausendstel niedriger als die zuvor peroral aufgenommenen Mengen. Rechkemmer: "HPLC-Analysegeräte können in den Proben bis mindestens ein Tausendstel dessen nachweisen, was im Wein ursprünglich vorhanden war. Bei unserer mageren Ausbeute stellt sich die Frage, ob das physiologisch relevant ist." Der größte Teil werde vermutlich über den Stuhl abtransportiert.

Der zweite Teil der Karlsruher Weinstudie untersucht die physiologischen und immunologischen Wirkungen von Rotwein (12 Volumenprozent) im Vergleich zu entalkoholisiertem Wein, Traubensaft und einer 12-prozentigen Alkohol-Wasser-Mischung. 24 Männer wurden dazu in vier Gruppen eingeteilt und bekamen jeweils eines der vier Getränke über zwei Wochen zu trinken. Nach einwöchiger Auswaschphase stand für die nächsten zwei Wochen das nächste Getränk auf dem Plan und so weiter. Während der gesamten Studiendauer, die noch bis Dezember dieses Jahres anhält, müssen die Probanden auf Flavonoid-haltige Lebensmittel wie Beeren, Kakao oder schwarzen Tee verzichten.

Vorläufiges Ergebnis: Rotwein und die Alkohol-Wasser-Mischung können im Gegensatz zu den anderen beiden Prüfgetränken das Thromboserisiko innerhalb einer Stunde nach Genuss verringern. Rechkemmer: "Die Vermutung liegt also nahe, dass dieser Effekt am Alkohol liegt und nicht an den Flavonoiden."

Pille statt Promille?

Was Weinliebhabern einen Schauer über den Rücken jagt, versuchen findige Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln erfolgreich zu vermarkten. Seit einiger Zeit gibt es Rotwein- oder Traubenkernextrakte in Form von Kau-, Lutsch- oder Brausetabletten auch hierzulande zu kaufen. Einen richtigen Boom erleben die Wein-Presslinge in den USA. Damit nicht genug: In Deutschland steht nun auch ein Joghurt mit Rotweinextrakt in den Kühlregalen der Supermärkte - "für die intelligente Ernährung".

Auf den Packungen der Nahrungsergänzungsmittel wird meist der Gehalt an Anthocyanen oder Proanthocyanidinen angegeben. Besonders das Resveratrol ist beliebt. Rechkemmer warnte davor, aus einem komplexen Lebensmittel wie dem Rotwein einen isolierten Stoff wie Resveratrol herauszunehmen und diesem die gleiche protektive Wirkung zuzuschreiben.

Alkohol in Arzneimitteln

Bei einem Seminar über Wein und Gesundheit liegt das Thema Alkohol in Arzneimitteln nicht fern. Dr. Günther Hanke, Präsident der APV, ließ es sich nicht nehmen, einige deutliche Worte an die Ethanol-Gegner zu richten. "Aus Sicht des Pharmazeuten wäre es unverantwortlich, dass ein absolut notwendiges Hilfsmittel durch falsch verstandenes Sicherheitsdenken in Misskredit gebracht und dessen Anwendung im Arzneimittelbereich unreflektiert beschränkt werden würde." Selbst bei nüchternster Betrachtung gebe es keine Alternative, sowohl was die Extraktionsmöglichkeiten als auch die Haltbarmachung von bestimmten Phytopharmaka betrifft. Zudem mache der mit dem Medikament aufgenomme Alkohol nicht süchtig. Schließlich handele es sich um geringste Mengen.

Freund des Beerenmostes

Das Seminar "Wein und Gesundheit" hat die APV ihrem Ehrenpräsidenten, Dr. h. c. Paul Reisen, zum 75. Geburtstag gewidmet. Reisen ist seit 1957 Mitglied der APV, übernahm 1966 für 20 Jahre deren Präsidium und ist "lebenslang ein Freund des Beerenmostes gewesen", verkündete er freimütig. "75 Jahre, das ist heute nichts besonderes mehr", meinte der Jubilar bescheiden. Top

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