| Annette Rößler |
| 12.02.2026 09:00 Uhr |
Die meisten Nierensteine haben einen kleineren Durchmesser als 5 mm und werden von selbst ausgeschieden. Größere Steine können durch Stoßwellen zertrtümmert oder operativ entfernt werden. / © Getty Images/Ernesto r. Ageitos
Nieren- oder auch Harnsteine sind kleine, feste Ablagerungen im Nierenbecken. Sie bleiben meistens unbemerkt, können aber auch starke Schmerzen auslösen, etwa wenn sie in die Harnleiter wandern und diese blockieren. Typisch für eine solche Nierenkolik sind plötzlich und anfallsartig auftretende, heftige Schmerzen in der Seite, die in den Unterbauch ausstrahlen können. Auch Blut im Urin, Schmerzen beim Wasserlassen und ein häufiger oder verstärkter Harndrang sind mögliche Anzeichen für einen Stein im Harnleiter.
Laut einer aktuellen Publikation im Fachjournal »PNAS« nimmt die Prävalenz von Nierensteinen weltweit zu: Eine von elf Personen entwickele in ihrem Leben mindestens einmal einen Nierenstein, schreibt ein Team um William C. Schmidt von der University of California Los Angeles. Solche Steine bestehen meistens aus Calciumoxalat (CaOx); lediglich 5 bis 10 Prozent der Nierensteine sind Harnsäuresteine und 10 Prozent bestehen aus Magnesium-Ammonium-Phosphat (Struvit).
Die Ursachen für die Entstehung von Nierensteinen sind vielfältig. Neben einer familiären Veranlagung zählen das metabolische Syndrom, Gicht, der Verzehr von Oxalsäure-reichen Lebensmitteln wie Rhabarber oder auch ein Calciumanstieg im Urin infolge einer Überfunktion der Nebenschilddrüse dazu. Eine geringe Trinkmenge und Änderungen des pH-Werts des Urins können die Steinbildung ebenso begünstigen.
Nierensteine mit einem Durchmesser unter 5 mm werden oft innerhalb von ein bis zwei Wochen mit dem Urin ausgeschieden. Bei Harnleitersteinen zwischen 5 und 10 mm können Alphablocker wie Tamsulosin zur Muskelentspannung gegeben werden, um den Abgang zu erleichtern. Größere Steine werden in der Regel mit extrakorporaler Stoßwellenlithotripsie (ESWL) zertrümmert, endoskopisch oder operativ entfernt.
Bei etwa der Hälfte der Patienten bildet sich innerhalb von fünf Jahren nach der Therapie erneut ein Nierenstein. Wie sich dem vorbeugen lässt, hängt von der Art des Steins ab. Gegen CaOx-Steine wird neben einer Trinkmenge von 2,3 bis 3 l am Tag (keine Cola) eine salzarme Kost mit viel Obst und Gemüse sowie wenig tierischem Eiweiß empfohlen. Oxalsäure-reiche Lebensmittel (neben Rhabarber auch Petersilie, Walnüsse, Spinat und Schokolade) sollten gemieden werden. Calcium in ausreichender Menge (1000 bis 1200 mg pro Tag über die Nahrung) wirkt ebenfalls vorbeugend, da eine calciumarme Ernährung über eine vermehrte Ausscheidung von Oxalsäure die Bildung von CaOx-Steinen begünstigt.
Auch Harnwegsinfekte, insbesondere mit Bakterien der Gattung Proteus, sind potenzielle Auslöser von Nierensteinen: Die Bakterien spalten den im Urin vorhandenen Harnstoff in Ammoniak und Kohlendioxid, wodurch der pH-Wert steigt und das Ausfallen von Struvit begünstigt wird. Die resultierenden Steine sind bakteriell besiedelt und werden dementsprechend auch als Infektions- oder Infektsteine bezeichnet.
Dagegen galten die sehr viel häufigeren CaOx-Steine bislang als abiotisch und nicht infektiös. Man ging davon aus, dass Bakterien bei ihrer Entstehung keine Rolle spielen. Dies widerlegen die Autoren in ihrer Publikation. Anhand elektronenmikroskopischer Aufnahmen von sowohl Struvit- als auch von CaOx-Steinen sowie anschließender DNA-Analyse legen sie dar, dass Bakterien ziemlich sicher einen unverzichtbaren Beitrag zur Bildung auch der CaOx-Steine leisten. Dies war bisher noch nicht entdeckt worden, da die meisten der beteiligten Bakterien außerhalb ihres Habitats nicht kultivierbar sind.
Aus seinen detaillierten Analysen schließt das Team um Schmidt, dass die CaOx-Kristalle der Nierensteine schichtweise wachsen, wobei bakterielle Biofilme, die die Oberfläche des sich bildenden Steines besiedeln, jeweils als Ausgangspunkt für weitere Schichten fungieren. Die zuvor für abiotisch gehaltenen Steine seien deshalb in Wirklichkeit durchsetzt von Bakterien, die am Wachstum des Steines einen entscheidenden Anteil haben: Um zu überleben, müssten Bakterien nämlich einen großen Calcium-Konzentrationsgradienten aufrechterhalten und dafür mithilfe spezieller ATPasen ständig Calcium aus der Zelle herauspumpen. Auch könne extrazelluläre bakterielle DNA, die von Bakterien in Biofilmen freigesetzt werde, mit Calciumionen Komplexe bilden. Calcium kann dann schließlich mit dem Urinbestandteil Oxalsäure reagieren und ausfallen.
Die Bildung von Biofilmen zu verhindern beziehungsweise vorhandene Biofilme zu beseitigen, könnte somit ein therapeutischer Ansatz bei CaOx-Nierensteinen sein, schlussfolgern die Autoren. Das klingt plausibel, dürfte allerdings äußerst schwierig sein, da Biofilme sehr stabil und unempfindlich gegen äußere Einflüsse sind.