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Nebenwirkungen
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Niedrig dosiertes THC könnte HIV-Therapie verträglicher machen

Eine antiretrovirale Therapie (ART) verlängert das Leben von HIV-Patienten deutlich. Allerdings ist mit Nebenwirkungen und Komorbiditäten wie chronische Entzündungen, Herz-Kreislauf- oder Lebererkrankungen zu rechnen. Eine neue Studie an Primaten liefert Hinweise, dass niedrig dosiertes Tetrahydrocannabinol (THC) die schädlichen Nebenwirkungen einer ART abmildern könnte.
AutorKontaktJohanna Hauser
Datum 11.11.2025  15:00 Uhr

In einer präklinischen Studie des Texas Biomedical Research Institute untersuchte ein Forschungsteam um Dr. Lakmini S. Premadasa den Einfluss niedrig dosierten THC auf eine HIV-Therapie. Die Ergebnisse wurden kürzlich in »Science Advances« vorgestellt. Dazu erhielten zwei Gruppen von je acht Rhesusaffen über fünf Monate eine antiretrovirale Therapie. Die Affen waren mit dem Simian-Immundeficiency-Virus (SIV) infiziert, dem in Primaten vorkommenden HIV-Äquivalent. Die ART bestand aus Tenofovir 20 mg/kg; Emtricitabin 30 mg/kg; und Dolutegravir 2,5 mg/kg täglich subkutan.

Eine der beiden Gruppen erhielt zudem zweimal täglich niedrig dosiertes THC als Injektion, beginnend bei 0,18 mg/kg, gesteigert auf 0,32 mg/kg bis sechs Monate nach der SIV-Infektion. Die andere Gruppe erhielt Placebo. Nach fünf Monaten lag in beiden Gruppen die Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze. Soweit die Gemeinsamkeiten.

Die THC-Gruppe wies unerwarteterweise niedrigere Serumspiegel der ART auf. Dies deutet nach Meinung der Forschenden darauf hin, dass THC die Verstoffwechselung der ART-Medikation ankurbelt und so die Leber vor den toxischen Effekten schützt.

Weiter zeigte sich, dass die mit THC cotherapierten Affen höhere Serotonin-Spiegel aufwiesen. Serotonin (5-HT) ist ein Neurotransmitter, der Stimmung, Schlaf und Verdauung reguliert. Die Steigerung der 5-HT-Produktion erfolgte wohl über mehrere Wege: Zum einen wurde eine höhere Zahl enterochromaffiner Zellen im Darm gefunden, die Serotonin produzieren. Eine erleichterte Serotonin-Produktion durch ein vermehrtes Vorkommen von Lactiplantibacillus plantarum wurde flankiert von deutlich hochregulierten Serotonin-Rezeptoren. Über die Rezeptoren wird die Kommunikation der Darm-Hirn-Achse über den Vagusnerv gesteuert.

Die THC-Gruppe wies ein gesünderes, ausgewogeneres Darmmikrobiom mit einem höheren Gehalt an guten Darmbakterien auf, inklusive der Gattung Oscillibacter, die den Cholesterin-Spiegel über eine Umwandlung von Cholesterol in Coprostanol zu senken vermag.

Darüber hinaus erhöhte THC über einen vom Cannabidiol-1-Rezeptor (CBR1) vermittelten Mechanismus den β-Hydroxybutyrat (BHB)-Spiegel. Dies deutet auf eine verstärkte Oxidation sekundärer Gallensäuren hin, was sich wiederum positiv auf die metabolische und kardiovaskuläre Gesundheit auswirkt. THC regulierte außerdem die durch ART/SIV verursachte Erhöhung der proinflammatorischen und kardiotoxischen langkettigen Acylcholine auf das Niveau von vor der Infektion herunter.

Die Daten müssen nun an Menschen verifiziert werden. Unter anderem stellt sich die Frage, ob und wie ausgeprägt sich die Effekte bei einer oralen Gabe – sowohl der ART als auch des THC – darstellen.

Das eröffnet auch Perspektiven auf andere Krankheiten haben, die mit Darmentzündungen verbunden sind, wie das Reizdarmsyndrom, chronische Lebererkrankungen und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, schreiben die Autoren.

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