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Hirnforschung
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Mit Lithium gegen Alzheimer

Lithium scheint in die Entstehung von Alzheimer involviert zu sein. Im Mäuseversuch verhinderte die Gabe eines bestimmten Lithiumsalzes eine pathologische Entwicklung und verbesserte die kognitiven Funktionen sogar. Klinische Studien zu Wirksamkeit und Sicherheit fehlen jedoch noch.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 07.08.2025  18:00 Uhr

Schon länger wird diskutiert, ob Lithium sich positiv auf Demenzen auswirken kann. So zeigte zum Beispiel 2022 eine große retrospektive Kohortenstudie ein geringeres Demenzrisiko bei psychiatrischen Patienten, die mit Lithium behandelt wurden, als in einer vergleichbaren Gruppe ohne Lithium. Jetzt belegt eine neue Forschungsarbeit, dass Lithium schon in der frühen Entstehung von Alzheimer eine wichtige Rolle spielen könnte – und womöglich auch präventiv und therapeutisch eingesetzt werden könnte.

Forschende um Liviu Aron von der Harvard Medical School in Boston, USA, haben menschliches Hirngewebe untersucht und eine Reihe von Experimenten an Mäusen zu Lithium und Alzheimer durchgeführt. Sie zeigten nicht nur zum ersten Mal, dass das Alkalimetall natürlicherweise im Gehirn vorkommt, sondern dass es dort auch eine wichtige physiologische Rolle übernimmt. 

Das Team stellte fest, dass in von Alzheimer betroffenen Hirnarealen niedrigere Lithiumspiegel zu finden waren als in unbeteiligten Regionen. In Gewebeproben von Menschen mit milder kognitiver Einschränkung, einer Vorstufe von Alzheimer, fanden sie sogar, dass Lithium in Amyloid-Plaques eingebunden war, was seine Verfügbarkeit einschränkte.

Weniger Lithium, mehr Amyloid-Plaques

An Mäusen zeigten die Forschenden, dass ein Lithiummangel zur Ablagerung von β-Amyloid und einer Akkumulation von phosphorylierten τ-Proteinen führt, genau wie zu einer proinflammatorischen Aktivierung von Mikrogliazellen, zum Verlust von Synapsen, Axonen und Myelin. Es entwickelte sich ein Teufelskreis: Weniger Lithium im Gehirn führte zu mehr Amyloid, wodurch die Lithium-Konzentration noch weiter sank, weil die Plaques das Alkalimetall banden. Die betroffenen Mäuse zeigten einen beschleunigten kognitiven Niedergang, schreibt das Autorenteam diese Woche im Fachmagazin »Nature«. Getrieben werden diese Effekte wohl zum Teil durch die Aktivierung der Kinase GSK3β.

Laut einem begleitenden nachrichtlichen Artikel auf dem »Nature«-Portal haben die meisten bisherigen klinischen Studien zu Lithium bei Demenz die Carbonat-Form verwendet. Diese ist auch in den in Deutschland verfügbaren Medikamenten gegen bipolare Störungen und andere psychiatrische Indikationen enthalten. Das Forschungsteam zeigte nun aber auch, dass Amyloid-Plaques vor allem diese Salzform einschließen, andere wie Lithiumorotat dagegen weniger.

Gedächtnisverluste verhindern

Wenn die Forschenden Mäusen niedrige Dosen Lithiumorotat gaben, konnten eine pathologische Entwicklung und Gedächtnisverluste verhindert werden. Lithiumcarbonat hatte dagegen nicht dieselben Vorteile. Noch dazu stellten die Forschenden keine toxischen Effekte fest – dabei gilt Lithium als Medikament mit sehr geringer therapeutischer Breite.

»Das ist bahnbrechend«, sagt Professor Dr. Ashley Bush, Neurowissenschaftler an der Universität Melbourne in Australien, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber »Nature«. Erst seit Kurzem gibt es die ersten krankheitsmodifizierenden Medikamente gegen Alzheimer, die monoklonalen Antikörper Lecanemab (Leqembi®) und Donanemab (Kisunla®). Ersteres wurde im April in der EU zugelassen, ist in Deutschland aber noch nicht auf dem Markt. Letzteres steht in der EU kurz vor der Zulassung. Aber diese zielten nur auf eine Sache ab: die Amyloid-Plaques, so Bush. Sie können die Progression auch nur verzögern, weder verhindern, noch umkehren. Der Lithium-Ansatz hingegen ziele auf alle wichtigen Pathologien ab, die bei Alzheimer eine Rolle spielen.

Lithium zur Prävention und Behandlung denkbar

»Diese Ergebnisse zeigen physiologische Auswirkungen von endogenem Lithium im Gehirn und deuten darauf hin, dass eine Störung der Lithium-Homöostase ein frühes Ereignis in der Pathogenese der Alzheimer-Demenz sein könnte«, folgern die Autoren des »Nature«-Artikels. Lithium-Substitution durch Salze, die nicht in die Amyloid-Plaques aufgenommen werden, sei ein möglicher Ansatz zur Prävention und Behandlung von Alzheimer. Allerdings muss dies noch in Studien am Menschen eindeutig gezeigt werden. Dies scheint nur mit öffentlicher Forschungsunterstützung realistisch, denn Lithium selbst kann als chemisches Element nicht patentiert werden.

Von einer experimentellen (Selbst-)Medikation ist vorerst dringend abzuraten. Die zugelassenen Lithiumcarbonat-Präparate für die Psychiatrie sind hoch dosiert. Niedrig dosiert ist das Element (meist als Lithiumorotat) als Nahrungsergänzungsmittel im Internet zu finden, wo es mitunter als Neuroprotektivum beworben wird.

Die Verbraucherzentrale weist jedoch auf ihrer Internetseite darauf hin, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Lithiumorotat weder in Deutschland noch in einem anderen EU-Mitgliedstaat verkauft werden dürfen. »Der Verkauf als Nahrungsergänzungsmittel ist eine Straftat und zeugt nicht von der Seriösität eines Händlers.« Eine klinische Wirksamkeit ist wie beschrieben noch nicht eindeutig belegt, und auch in niedrigen Dosierungen sind Nebenwirkungen zu erwarten. 

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