| Kerstin A. Gräfe |
| 20.01.2026 08:00 Uhr |
Ältere Menschen bekommen mehr Arzneimittel verordnet als jüngere – aber nicht immer sind sie für diese Altersgruppe geeignet. / © Adobe Stock/berna_namoglu
Veränderte Pharmakokinetik und -dynamik, Multimorbidität und Polymedikation – bei älteren Menschen wird die Pharmakotherapie zunehmend komplex. Daher treten bei ihnen verglichen mit jüngeren verstärkt unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) auf. Ihre Medikation ist eine besondere Herausforderung, zumal für Senioren nur begrenzte Daten aus Studien zu Nutzen und Risiken von Arzneimitteln vorliegen. Hinzu kommt, dass alt nicht gleich alt ist. So kann ein Medikament, das ein 65-Jähriger gut verträgt, für einen 85-Jährigen unverträglich sein.
Anhaltspunkte für eine möglichst sichere Arzneimitteltherapie im Alter bieten spezielle Listen, in denen Experten eine potenziell inadäquate Medikation (PIM) zusammengetragen haben. Darunter werden Arzneimittel verstanden, deren Anwendung mit einem hohen Risiko für UAW einhergeht und für die sicherere, effektivere Alternativen vorhanden sind. Auch Arzneimittel mit einem (altersabhängigen) schlechten Nutzen-Risiko-Verhältnis und unsicheren therapeutischen Effekten gelten als PIM.
Die Ergänzung »potenziell« ist der Tatsache geschuldet, dass mangels Evidenz die Einstufung der Arzneimittel als inadäquate Medikation auf epidemiologischen Studien sowie klinischer Erfahrung und Expertenmeinungen beruht. Zudem können PIM bei bestimmten Patienten und in bestimmten Situationen auch adäquat sein.
Die wohl bekannteste PIM-Liste sind die auf internationaler Ebene genutzten Beers-Kriterien sowie die in Deutschland entwickelten Priscus- und Forta-Listen. Die jeweiligen Schwerpunkte, Stärken und Limitationen zeigt ein Autorenteam um Dr. Yvonne Pudritz von der LMU München in der Ausgabe 06/2025 der DPhG-Mitgliederzeitschrift »Pharmakon« auf.
»Pharmakon« erscheint sechsmal jährlich. Jede Ausgabe hat einen inhaltlichen Schwerpunkt, der aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereitet wird. / © Avoxa
Die Beers-Kriterien erstellte eine Gruppe von Wissenschaftlern um den US-amerikanischen Geriater Mark Beers von der Universität Georgia (USA). Sie wurden erstmals 1991 publiziert, ihr letztes Update erfuhren sie 2023. Es handelt sich um eine Negativliste, die aus zwei Teilen besteht. Im ersten Teil finden sich Arzneimittel, die generell bei Menschen über 65 Jahren vermieden werden sollten, da sie bei diesen Patienten verstärkt zu Nebenwirkungen führen, unwirksam sind oder weil besser verträgliche Alternativen verfügbar sind. Der zweite Teil listet Medikamente auf, die bei Patienten mit bestimmten Erkrankungen nicht eingesetzt werden sollten.
Seit 2007 gibt es eine deutsche und an den deutschen Arzneimittelmarkt angepasste Version. Sie enthält wie das Original zwei Listen: Liste 1 zeigt die PIM für ältere Patienten in tabellarischer Form, Liste 2 ist sortiert nach Erkrankungen und entsprechenden PIM, inklusive einer Begründung und einer Bewertung der Evidenz.