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Beers, Priscus, Forta und Co. 
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Mit Listen die Therapie im Alter optimieren

Etwa jeder zweite Deutsche über 65 Jahren wurde 2022 mindestens einmal mit einem für ihn nicht geeigneten Medikament behandelt. Apotheker können dabei unterstützen, diese zu identifizieren. Listen wie Beers, Priscus und Forta sollen dabei helfen.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 20.01.2026  08:00 Uhr

Veränderte Pharmakokinetik und -dynamik, Multimorbidität und Polymedikation – bei älteren Menschen wird die Pharmakotherapie zunehmend komplex. Daher treten bei ihnen verglichen mit jüngeren verstärkt unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) auf. Ihre Medikation ist eine besondere Herausforderung, zumal für Senioren nur begrenzte Daten aus Studien zu Nutzen und Risiken von Arzneimitteln vorliegen. Hinzu kommt, dass alt nicht gleich alt ist. So kann ein Medikament, das ein 65-Jähriger gut verträgt, für einen 85-Jährigen unverträglich sein.

Anhaltspunkte für eine möglichst sichere Arzneimitteltherapie im Alter bieten spezielle Listen, in denen Experten eine potenziell inadäquate Medikation (PIM) zusammengetragen haben. Darunter werden Arzneimittel verstanden, deren Anwendung mit einem hohen Risiko für UAW einhergeht und für die sicherere, effektivere Alternativen vorhanden sind. Auch Arzneimittel mit einem (altersabhängigen) schlechten Nutzen-Risiko-Verhältnis und unsicheren therapeutischen Effekten gelten als PIM.

Die Ergänzung »potenziell« ist der Tatsache geschuldet, dass mangels Evidenz die Einstufung der Arzneimittel als inadäquate Medikation auf epidemiologischen Studien sowie klinischer Erfahrung und Expertenmeinungen beruht. Zudem können PIM bei bestimmten Patienten und in bestimmten Situationen auch adäquat sein.

International im Einsatz: Beers-Kriterien

Die wohl bekannteste PIM-Liste sind die auf internationaler Ebene genutzten Beers-Kriterien sowie die in Deutschland entwickelten Priscus- und Forta-Listen. Die jeweiligen Schwerpunkte, Stärken und Limitationen zeigt ein Autorenteam um Dr. Yvonne Pudritz von der LMU München in der Ausgabe 06/2025 der DPhG-Mitgliederzeitschrift »Pharmakon« auf.

Die Beers-Kriterien erstellte eine Gruppe von Wissenschaftlern um den US-amerikanischen Geriater Mark Beers von der Universität Georgia (USA). Sie wurden erstmals 1991 publiziert, ihr letztes Update erfuhren sie 2023. Es handelt sich um eine Negativliste, die aus zwei Teilen besteht. Im ersten Teil finden sich Arzneimittel, die generell bei Menschen über 65 Jahren vermieden werden sollten, da sie bei diesen Patienten verstärkt zu Nebenwirkungen führen, unwirksam sind oder weil besser verträgliche Alternativen verfügbar sind. Der zweite Teil listet Medikamente auf, die bei Patienten mit bestimmten Erkrankungen nicht eingesetzt werden sollten.

Seit 2007 gibt es eine deutsche und an den deutschen Arzneimittelmarkt angepasste Version. Sie enthält wie das Original zwei Listen: Liste 1 zeigt die PIM für ältere Patienten in tabellarischer Form, Liste 2 ist sortiert nach Erkrankungen und entsprechenden PIM, inklusive einer Begründung und einer Bewertung der Evidenz.

Spezielle Listen für Deutschland

Hierzulande sind vornehmlich die Priscus- und die Forta-Liste gebräuchlich. Die Original-Priscus-Liste wurde auf Basis der Beers-Kriterien von einem Arbeitskreis um Professor Dr. Petra Thürmann vom Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie der Universität Witten/Herdecke speziell für Deutschland zusammengestellt und im Jahr 2010 veröffentlicht. Sie enthielt 83 Arzneistoffe und 18 Wirkstoffklassen. Die heutige Version Priscus 2.0 umfasst nach einem Update im Jahr 2022 nun 177 als PIM gekennzeichnete Wirkstoffe.

Die Auswahl beruht auf einem Expertenkonsens nach dem sogenannten Delphi-Verfahren. Darunter versteht man eine mehrstufige, schriftliche Befragung von Experten verschiedener Fachbereiche. Unter der Annahme, dass die beteiligten Experten über überdurchschnittlich viel Wissen in ihrem Fachbereich verfügen, sollen so besonders aussagekräftige Prognosen aufgestellt werden.

Die Priscus-Liste ist nach Indikationsgebieten sortiert. Zu jedem Arzneistoff erhält man den Median und den Mittelwert aus dem Delphi-Bewertungsverfahren, die Begründung für die Einstufung als PIM sowie mögliche Alternativen. Zudem werden Empfehlungen oder Monitoring-Hinweise genannt, falls ein potenziell ungeeignetes Arzneimittel dennoch eingesetzt werden soll und zu guter Letzt Diskussionspunkte, die sich aus den Expertenkommentaren und aus der öffentlichen Kommentierung ergeben haben.

Die Forta(Fit for the Aged)-Liste ist im Gegensatz zu Priscus und Beers eine Negativ-Positiv-Liste. Das heißt, sie rät nicht nur von bestimmten Substanzen für Senioren ab, sondern spricht auch Empfehlungen aus. Die Wirkstoffe werden vier Kategorien zugeordnet:

  • A. Nutzenbewertung eindeutig positiv/sehr vorteilhaft.
  • B. Wirksamkeit bei älteren Patienten nachgewiesen, es gibt allerdings Einschränkungen bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit/vorteilhaft.
  • C. Ungünstige Nutzen-Risiko-Relation/kritisch
  • D. Vermeiden

Gedacht ist die Forta-Liste zur Anwendung bei Patienten über 65 Jahren mit drei oder mehr signifikanten Komorbiditäten sowie zur Beurteilung der Medikation von Patienten über 80 Jahren. Sie ist online abrufbar oder auch als App erhältlich und enthält 299 Arzneistoffe sowie 30 Indikationsgebiete.

In der Online-Version kann nach dem Indikationsgebiet oder dem Wirkstoff gesucht werden. Es werden dann die Wirkstoffe nach ihrer Beurteilung (A bis D) sowie ausgewählte Kommentare angezeigt. Inzwischen gibt es spezifische Forta-Listen für die USA (U.S.-Forta) und Europa (EURO-Forta) sowie für spezifische Indikationen wie orale Antikoagulanzien (AK-Forta) und Harnwegsinfektionen (LUTS-Forta).

Tools miteinander kombinieren

Zwar nicht expliziert auf Deutschland abgestimmt, aber dennoch hilfreich sind die in Irland entwickelten START/STOPP-Kriterien. Dabei handelt es sich um ein Screening-Tool für die klinische Praxis, das nach physiologischen Systemen unterteilt ist. Mit ihm lassen sich sowohl Unterversorgungen als auch Verordnungslücken identifizieren.

STOPP (Screening Tool of Older Persons’ potentially inappropriate Prescriptions) umfasst 65 klinisch relevante Kriterien für potenziell unangemessene Verschreibungen bei älteren Menschen. Jedes Kriterium wird von einer kurzen Erklärung begleitet, warum die Verschreibungspraxis potenziell unangemessen ist. START (Screening Tool to Alert doctors to the Right Treatment) ist eine Positivliste und enthält 22 evidenzbasierte Indikatoren für behandlungsbedürftige Erkrankungen, die häufig bei älteren Menschen vorkommen.

Insgesamt sind diese Listen zuverlässige und nützliche Hilfsmittel, um die Arzneimitteltherapie älterer Menschen sicherer zu machen. Keine davon ist aber »die Standardlösung«, mit der alle PIM ausgemacht und bewertet werden können. In der Praxis empfiehlt es sich, die Tools zu kombinieren, um so die Sensitivität zu erhöhen.

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