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Emotionale Regulation
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Menschen berühren bei Stress ihr Gesicht

Ein Griff an die Nase, ein Streichen übers Kinn – spontane Selbstberührungen im Gesicht verraten, wie gestresst wir sind. Mithilfe von KI haben Forschende dieses subtile Verhalten im realen Arbeitskontext analysiert.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 03.11.2025  09:00 Uhr

Spontane Selbstberührungen im Gesicht – etwa an Nase, Kinn oder Wangen – könnten mehr sein als bloße Gewohnheit. Forschende der Universität Houston und der Virginia Tech sehen darin ein evolutionär verankertes, selbstberuhigendes Verhalten. Die KI-basierte Analyse um den Informatikprofessor, Ioannis Pavlidis,  Leiter des Affective and Data Computing Laboratory (ACDC Lab) zeigt: Die Gesten hängen eng mit dem individuellen Stresslevel während kognitiver Aufgaben zusammen.

Die kleine Untersuchung baut auf einer früheren Beobachtung auf, für die das Forschungsteam vier Arbeitstage lang zehn Akademikerinnen und Akademiker ins Büro begleitete. Im Anschluss kombinierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Daten aus fast 170 Stunden Videoaufnahmen mit Wärmebildkameras zur Erfassung von Gesichtsschweiß, Smartwatch-Daten zur Herzfrequenzüberwachung sowie Analysen der Computeraktivität, um die Konzentration der Teilnehmenden zu beurteilen.

Ziel war es, Stressreaktionen im Alltag möglichst unauffällig zu erfassen. Es stellte sich heraus: Je höher der Stress, desto häufiger griffen die Teilnehmenden an ihr Gesicht – meist mit der nicht dominanten Hand und bevorzugt an dieselben Stellen. Wer sich häufig ins Gesicht fasste, bei dem ließ sich zudem eine Überaktivität des Sympathikus beobachten, heißt es.

Stressindikator verschiebt sich

Die spontanen Gesichtsberührungen stellten sogar ein verlässlicheres Signal für Stress dar als die Mimik – insbesondere bei Menschen, die alleine einer geistigen Arbeit nachgehen, betont das Autorenteam in einem Report. Als Stressindikator trete anstelle des Gesichtsausdrucks die Selbstberührung. Vermutlich, weil das Gesicht als Kommunikationsmittel an Bedeutung verliere, wenn sonst niemand im Raum ist – so die Erklärung der Forschenden.

Auch evolutionsbiologische Hinweise stützen diese Annahme. Ähnliche Gesten finden sich nämlich bei Primaten, deren Gesicht stark von Nervenzellen durchzogen ist. Die Forschenden vermuten, dass diese Reize beruhigend wirken und Stress ausgleichen können. Darüber hinaus verweisen sie auf aktuelle Forschungsergebnisse, die eine Verbesserung des Gedächtnisses bei Personen feststellten, die sich häufig selbst berühren.

Damit verschiebt sich der Blick auf emotionale Regulation im Arbeitskontext – weg von sichtbaren Emotionen, hin zu feinen, körperlichen Signalen. Langfristig könnten ihre Erkenntnisse neue Wege im Stressmonitoring eröffnen, hofft das Autorenteam.

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