Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Unterschätzte Sturzgefahr
-
Management der orthostatischen Hypotonie

Bei einer Hypotonie winken Experten oft ab. Im Gegensatz zur Hypertonie sind langfristige Risiken überschaubar. Betroffene sehen das anders, vor allem dann, wenn diese an orthostatischer Hypotonie leiden. Schwindel, Sehstörungen, Schwäche beim Aufstehen ist für viele ältere Patienten kein flüchtiges Phänomen, sondern Alltag.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 13.04.2026  16:20 Uhr

Die orthostatische Hypotonie (OH) ist als Abfall des systolischen Blutdrucks um mindestens 20 mmHg oder des diastolischen um 10 mmHg innerhalb von drei Minuten nach dem Aufstehen definiert. Immerhin sind über 20 Prozent der über 60-Jährigen von einer OH betroffen. Damit assoziiert sind ein erhöhtes Sturzrisiko, Frakturen und Sterblichkeit.

In einem im April 2026 im Journal »JAMA Internal Medicine« erschienenen Review bündeln Forschende um Dr. David Moloney vom Vanderbilt Autonomic Dysfunction Center der Vanderbilt University Medical Centers in Nashville, USA, das bisherige Wissen zu Diagnostik und Therapie gezielt für die Primärversorgung. 

Physiologie und Ursachen

Beim Aufstehen versackt bis zu einem Liter Blut in die Bein- und Bauchgefäße. Normalerweise reagiert der Körper innerhalb von Sekunden, indem Barorezeptoren in Aorta (Hauptschlagader) und Karotis (Halsschlagader) den Sympathikus aktivieren, wodurch die Herzfrequenz steigt und sich der Gefäßwiderstand erhöht.

Bei einer OH versagt genau dieser Mechanismus. Neurogene Formen der orthostatische Hypotonie (nOH) entstehen durch autonome Neuropathien, beispielsweise bei Parkinson, Multisystematrophie oder diabetischer Neuropathie. Nicht neurogene Formen (non-nOH) haben reversible Ursachen, darunter Volumenmangel, Herzerkrankungen oder, und dies ist klinisch besonders bedeutsam, Medikamente.

So steigern Betablocker und trizyklische Antidepressiva das OH-Risiko um das Sechs- bis Siebenfache, während SGLT2-Hemmer und Alpha-Blocker das OH-Risiko um das bis zu Zweifache steigern.

Diagnostik: Strukturiert und praxistauglich

Getestet werden sollten dem Review zufolge alle Patienten mit lageabhängigen Symptomen. Außerdem sollten asymptomatische Hochrisikopatienten, darunter Gebrechliche über 70 Jahre, Parkinson-Patienten, Personen mit unerklärten Stürzen und Polypharmazie-Empfänger, hinsichtlich möglicher Symptome befragt werden.

Der aktive Stehtest (AST) gilt als Standardverfahren und  ist am aussagekräftigsten am Morgen. Hier wird der Blutdruck nach fünf Minuten Liegen direkt nach dem Aufstehen und dann minütlich bis zu drei Minuten im Stehen gemessen.

Zudem weist ein Herzfrequenz-zu-Blutdruck-Quotient unter 0,5 beim Aufstehen mit 91-prozentiger Sensitivität auf eine neurogene Ursache hin, weil das geschädigte Nervensystem keine kompensatorische Herzfrequenzsteigerung leisten kann.

Systematisch miterfasst werden sollten zwei häufig übersehene Komorbiditäten:

  • Die supine Hypertonie (systolisch Blutdruck ≥140 mmHg im Liegen). Dieses Symptom tritt bei über 50 Prozent der nOH-Patienten auf und verschlimmert die OH morgens durch druckinduzierte Nachtdiurese (also Flüssigkeitsverlust in der Nacht).
  • Die postprandiale Hypotonie, ein Blutdruckabfall über 20 mmHg innerhalb von zwei Stunden nach dem Essen. Dies erhöht das Synkopen- und Sturzrisiko nach Mahlzeiten und bleibt im klinischen Alltag oft unerkannt.
Mehr von Avoxa