| Jennifer Evans |
| 08.01.2026 07:00 Uhr |
Genial, süchtig, einsam: Die Detektiv-Erzählungen von Doyle lassen sich als Kritik an viktorianischen Männlichkeitsidealen lesen. Hier Jeremy Brett als Sherlock Holmes (l.) und David Burke als Dr. Watson in einer Verfilmung von 1985. / © Imago Images/Everett Collection
Sir Arthur Conan Doyle war mehr als ein Krimiautor mit einer Vorliebe für knifflige Rätsel. In der viktorianischen Zeit griff er Themen auf, die gesellschaftlich heikel oder tabuisiert waren. Mit der Figur des Sherlock Holmes betrieb er eine Art Feldforschung zur männlichen Verletzlichkeit, wie Dr. Emma Linford, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Hull, auf der Wissenschaftsplattform »The Conversation« schreibt.
Geprägt hat den britischen Arzt und Schriftsteller demnach seine eigene Biografie. Doyle wuchs mit einem alkoholkranken Vater auf, der ab 1881 rund zwölf Jahre in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen verbrachte. Diese Erfahrung dürfte sein Interesse für psychische Gesundheit geweckt haben.
Sowohl Sherlock Holmes als auch dessen Freund und Kollege Dr. John Watson zeichnete er wohl auch deshalb nicht als unfehlbare Übermenschen. Holmes erscheint als Genie, aber auch als einsamer, drogenabhängiger Mann mit depressiven Zügen. Watson wiederum ist ein Kriegsveteran, der körperliche und seelische Verwundungen mit sich trägt. Die beiden sind wie ein literarischer Gegenentwurf zur gängigen Gleichsetzung von Männlichkeit und Unfehlbarkeit.
Dieser Gedanke zieht sich durch die gesamten Abenteuer des Sherlock Holmes. Doyles Männerfiguren sind meist in emotionalem Ausnahmezustand, leiden unter Angst, Versagen, Schuld oder anderen moralischen Dilemmata. Aber nicht das Verbrechen selbst bringe sie zu Fall, sondern der Druck gesellschaftlicher Erwartungen, so Linford.
Neville St. Clair aus »Der Mann mit der entstellten Lippe« (1891) zum Beispiel lebt aus Scham und finanzieller Not ein Doppelleben als Bettler. Er erklärt, er ziehe gar die eigene Hinrichtung einem Gesichtsverlust vor der Familie vor. Auch in »Der Angestellte des Börsenmaklers« (1894) geht es um ökonomische Ängste sowie Selbstmordgedanken – ausgelöst durch die Aussicht auf sozialen Abstieg.