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Meningokokken
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Lehren aus dem Ausbruch in England

In Südengland sorgt ein Meningokokken-Ausbruch unter jungen Erwachsenen mit bislang zwei Todesfällen für Aufregung. In Deutschland ist die Erkrankung sehr selten, einen Impfschutz gibt es nur in Teilen. Für wen lohnen sich Impfungen?
AutorKontaktChristina Hohmann-Jeddi
Datum 24.03.2026  16:20 Uhr

Südengland verzeichnet aktuell einen Meningokokken-Ausbruch: Laut der Gesundheitsbehörde UKHSA wurden bis zum 23. März innerhalb weniger Tage 20 invasive Meningokokken-Erkrankungen bestätigt; drei Verdachtsfälle werden noch untersucht. Alle bestätigten Fälle gehen auf Neisseria meningitidis Gruppe B (MenB) zurück. Alle Patienten wurden hospitalisiert.

Bei den meisten Infizierten handelt es sich um Studierende der University of Kent in Canterbury und Schüler der Oberstufe lokaler Schulen. Mindestens zehn Personen besuchten Anfang März einen Club in Canterbury. Der Krankheitsverlauf war schwer mit rascher Verschlechterung, zwei Personen starben an der Erkrankung.

Verantwortlich für den Ausbruch sind Meningokokken, Bakterien der Art Neisseria meningitidis, die beim Menschen schwere Erkrankungen und neurologische Schäden verursachen können. Aufgrund der Zusammensetzung der Kapselpolysaccharide werden zwölf Serogruppen unterschieden: A, B, C, E, H, I, K, L, W, X, Y und Z.

Die Mikroben kommen bei etwa 10 Prozent der Bevölkerung im Nasen-Rachen-Raum vor, ohne Probleme zu bereiten. Sie werden durch Tröpfcheninfektion, etwa beim Husten, Niesen, engen Kontakt oder Küssen übertragen, seltener über Aerosole. »Eine Meningokokken-Besiedlung ist an sich nicht schlimm«, sagte Privatdozentin Dr. Heike Claus, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Meningokokken und Haemophilus influenzae (NRZMHi), gegenüber der PZ. »Sie sind Teil der Nasen-Rachen-Flora.«

Zusammenspiel zwischen Erreger und Wirt

In seltenen Fällen gelangen die Erreger aber ins Blut und können dann schwere Erkrankungen, vor allem Hirnhautentzündung (Meningitis), Blutvergiftung (Sepsis) oder beides auslösen. Die Letalität beträgt etwa 10 Prozent.

Die ersten Anzeichen einer Infektion sind oft grippeähnlich, sie reichen von Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schüttelfrost bis zu Abgeschlagenheit. Bei schweren Verläufen kann es zu septischem Schock, Organversagen und Hirnschäden kommen.

Solche invasiven Infektionen werden durch sogenannte hypervirulente Stämme verursacht, die sehr selten sind und vor allem zu den Serogruppen B, C, W und Y gehören. In Deutschland dominieren aktuell deutlich die Serogruppen B und Y, sie verursachten im Jahr 2025 knapp 45 beziehungsweise 42 Prozent aller invasiven Erkrankungen.

Molekular sehr ähnliche Bakterien werden zu sogenannten klonalen Komplexen zusammengefasst. »Einzelne klonale Komplexe sind bei invasiven Erkrankungen vorherrschend«, sagte Claus. Diese haben also ein erhöhtes Potenzial, invasiv zu werden. Der Grund sind Unterschiede in den Kapselpolysacchariden, die eine Blutbahn-Invasion und Immunflucht erlauben. »Aber auch nicht hypervirulente Stämme können Erkrankungen auslösen«, so die Expertin.

Wann Meningokokken unauffälliger Bestandteil der Bakterienflora im Nasen-Rachen-Raum sind und wann sie invasive Erkrankungen auslösen, sei »immer ein Zusammenspiel zwischen Erreger und Wirt«, sagte Claus. So weisen Jugendliche und junge Erwachsene ein hohes Risiko für eine Besiedlung auf. Das zeige etwa eine Trägerstudie, die das NRZMHi im Jahr 2000 an Personen von 4 bis 25 Jahren durchführte. Das Ergebnis: Mit zunehmendem Alter sei die Trägerquote gestiegen und bei jungen Erwachsenen mit knapp 30 Prozent am höchsten gewesen, berichtete Claus. Im Mittel betrug sie 10 Prozent.

Weitere Faktoren, die das Risiko für eine invasive Erkrankung erhöhen, sind Immunschwäche, andere Infektionen (etwa Grippe) und geschädigte Nasen-Rachen-Schleimhäute. So treten etwa im Winter, wenn Nasen- und Rachenschleimhäute gereizt sind, mehr invasive Meningokokken-Erkrankungen auf als in warmen Monaten. Auch Raucher sind anfälliger.

»Die Zahl der Fälle hat in Deutschland in den vergangenen etwa 20 Jahren kontinuierlich abgenommen«, berichtete Claus. Dazu beigetragen haben könnten das Rauchverbot und auch die Meningitis-C-Impfung, die seit 2006 für alle Kinder im zweiten Lebensjahr empfohlen wurde. In den Pandemiejahren sank die Inzidenz dann noch einmal aufgrund der Kontaktbeschränkungen deutlich ab. In den vergangenen Jahren stieg sie aber wieder. Im Jahr 2023 traten laut RKI 253 invasive Meningokokken-Erkrankungen auf, 37 Menschen starben.

Gerade Jüngere sind betroffen: So traten laut Robert-Koch-Institut (RKI) zum Beispiel in den Jahren 2021 bis 2025 in Deutschland 39 Todesfälle aufgrund von Meningitis B (MenB) auf. Von diesen betrafen 41 Prozent die Altersgruppe von 0 bis 14 Jahren, 8 Prozent die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen und 51 Prozent die Gruppe ab 25 Jahre.

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