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Netzhautscans
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KI erkennt chronische Krankheiten mit einem Blick

Die Netzhaut verrät »als Fenster zum Körper« nicht nur etwas über die Gesundheit der Augen. Auch Hinweise etwa auf Herz- oder Nierenprobleme kann sie liefern. Dank KI soll dies noch genauer gehen.
AutorKontaktdpa
Datum 30.03.2026  16:06 Uhr

Mit dem Projekt »Retinal Age« (deutsch: Netzhautalter) wollen Forschende aus Greifswald eine KI entwickeln, die möglichst präzise anhand von Netzhautfotos chronische Erkrankungen frühzeitig erkennt oder auch individuelle Gesundheitsrisiken. Vom Auge »als Fenster zum Körper« spricht Professor Dr. Andreas Stahl, Leiter der Augenklinik der Universitätsmedizin Greifswald (UMG). Viele Erkrankungen, gerade Kreislauf-Erkrankungen, gingen mit Veränderungen von Blutgefäßen einher, etwa im Gehirn, in der Niere oder am Herzen. Ein Schlaganfall oder Herzinfarkt seien mögliche Folgen. »Aber die Gefäße sehen Sie alle nicht.« Selbst MRT-Untersuchungen des Herzens lieferten nicht die entsprechende Auflösung.

Fotos der Netzhaut hingegen funktionierten ohne viel Aufwand, teils sogar ohne vorher die Pupille mit Tropfen zu erweitern. Hierbei lassen sich auch die feinen Blutgefäße untersuchen. Schon jetzt denken Augenärzte nicht nur an Augenerkrankungen, sagt Stahl. Mitunter rieten sie Patienten bei Auffälligkeiten, einen Kardiologen oder Nierenexperten aufzusuchen. »Dafür brauchen wir nicht unbedingt die KI. Manche Dinge sehen wir auch selbst.« Aber: Die KI könne noch mehr Merkmale noch feiner analysieren.

Laut Stahl gibt es schon zugelassene KI-Algorithmen, die Augenprobleme als Folge von Diabetes erkennen können. Auch bei der Diagnose bestimmter anderer Augenerkrankungen werde KI bereits eingesetzt. Der Greifswalder Bioinformatiker Lars Kaderali sagt, sogenannte neuronale Netzwerke seien sehr gut darin, Muster in Bildern zu erkennen. Dort habe die Technik in den vergangenen zehn Jahren einen Riesensprung gemacht.

Bessere Datenvernetzung für die Forschung

Eine Zeit lang standen für das Training der KI vor allem die Daten der Langzeitgesundheitsstudie SHIP (»Study of Health in Pomerania«) zur Verfügung. Das seien in etwa 3000 bis 4000 Aufnahmen, sagt Stahl. Dank neuer Landesgesetzgebung können inzwischen aber deutlich mehr Daten genutzt werden, nämlich auch Routinedaten von Patienten jenseits der Studie. Allein in der Ambulanz der Augenklinik würden täglich 30 bis 40 Netzhautfotos gemacht werden, sagt Stahl. Diese können für das KI-Training mit anderen Befunden der UMG der jeweiligen Patienten kombiniert werden. Möglich macht das eine 2024 vorgenommene Überarbeitung des Landeskrankenhausgesetzes.

Als erstes Bundesland überhaupt habe MV eine tragfähige Regelung eingeführt, die eine Nutzung von Patientendaten zum KI-Training gestatte, erklärt der Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Sebastian Schmidt.

Zuvor mussten Patienten aktiv aufgeklärt und ihr Einverständnis eingeholt werden. Dies sei meist am Aufwand gescheitert, erklärt Kaderali. Die Daten konnten somit auch nicht genutzt werden. Inzwischen gilt eine Widerspruchsregelung. Patienten und Patientinnen müssen also aktiv der Nutzung ihrer Daten widersprechen.  Die neue Regelung beinhalte eine kontrollierte, pseudonymisierte Nutzung von Patientendaten innerhalb klar geregelter Strukturen, erklärte Schmidt. Entsprechend musste auch das Projekt »Retinal Age« von einer Datenschutz- und Ethikkommission abgesegnet werden, erklärt Kaderali. 

Laut Stahl verwaltet eine unabhängige Treuhandstelle die Schlüssel, mit denen pseudonymisierte Daten zusammengefügt werden. »Die kann Daten zusammenführen, damit wir in zehn Jahren noch wissen, wer wer war.« Sie könne ebenso im Fall eines Widerspruchs die Daten herausnehmen. Kaderali und Stahl schätzen, dass die KI durch das Training in wenigen Jahren so zuverlässig sein könnte, dass man über praktische Nutzung nachdenken kann. Dafür müssten dann noch regulatorische Hürden genommen werden.

»Retinal Age« ist nicht das einzige KI-Projekt der UMG. Andere laufende oder geplante Projekte widmen sich laut Kaderali etwa der Vorhersage des Blutspenden- oder etwa Notaufnahme-Betten-Bedarfs oder auch einer verbesserten Krebstherapie. Ein weiteres KI-Projekt zusammen mit der Universitätsmedizin Rostock ziele auf eine bessere Früherkennung von Sepsis ab. Diese sei eine der häufigsten Todesursachen in deutschen Krankenhäusern, erklärt Kaderali. Ein erheblicher Anteil der Todesfälle gelte als vermeidbar, wenn Sepsis frühzeitig erkannt und gezielt behandelt werde. 

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