Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Death-Positive-Bewegung
-
Kaffee trinken mit dem Tod

Weil der Tod vielen Menschen Angst macht, war es höchste Zeit, ihn zu entmystifizieren, von Ehrfurcht zu befreien und Vermeidungshaltungen infrage zu stellen. Das hat sich die Death-Positive-Bewegung zum Ziel gesetzt. Inzwischen ist die neue Auseinandersetzung ein Thema auf der ganzen Welt.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 06.12.2021  07:00 Uhr

Neue Erinnerungskulturen schaffen

Geht es nach Roth, sollten die Urnen in Zukunft unter Bäumen mitten in der Stadt gebettet sein, praktisch als Gedenkstellen. So hätten die Menschen eine Beziehung zu diesem Ort. Seiner Ansicht nach kann daraus sogar eine Erinnerungskultur entstehen. »Eine Verbindung zu schaffen zu dem, was vor mir war, zu den Menschen, die vor mir waren«, erklärt er seine Vorstellung. Besonders freut er sich, dass viele Städte heute merken, dass Friedhöfe auch schöne Parks sein können, die den grünen Charakter erhalten. Das Beste wäre es in seinen Augen jedoch, wenn die Verbotsschilder an Friedhöfen auch noch verschwänden. Denn sie kreierten mit ihren Verhaltensregeln einen strengen und ruhigen Ort fernab von Buntem, Fröhlichem und Lebendigem. In Roths »Gärten der Bestattung«, ein hügeliges Waldstück am Eingang des Strundetals, wird es anders gehandhabt. Dort ist es nämlich erlaubt, einen Stuhl aufzustellen, auf einem Badehandtuch neben dem Grab zu liegen, Gitarre zu spielen oder zu grillen. Er erinnert daran, dass es nicht unüblich ist, dass Familien und Nachbarn sich an bestimmten Tagen auf dem Friedhof zu kleinen Festen mit Essen und Trinken treffen. Solche Bräuche existierten etwa in Mexiko oder islamischen Ländern. »Da wurden teilweise noch mal die Gräber geöffnet, in der Türkei, in Griechenland die Knochen geputzt.«

Roth hat auf jeden Fall noch viele Pläne, den Tod wieder mehr ins Leben zu integrieren. Zum Beispiel denkt er da an nächtliche Führungen über sein Areal, angereichert mit kleinen Anekdoten und Geschichten. Kunstwerke wie ein Efeu-Labyrinth, Meditationsplätze, Wasserläufe, aber auch einen Waldkindergarten gibt es in den »Gärten der Bestattung« bereits. »Die Kinder haben die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Wir sagen nicht, ihr müsst euch mit Tod und Trauer befassen. Das Thema wird aber auch nicht ausgeklammert oder totgeschwiegen.« Trauernde Menschen brauchten einfach keine traurigen Orte. Stattdessen ist seiner Auffassung nach das Wiederentdecken des Lebens ein zentrales Ziel konstruktiver Trauerarbeit.

Mehr von Avoxa