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Hasenpest gefährdet auch Menschen

24.06.2002  00:00 Uhr

Tularämie

Hasenpest gefährdet auch Menschen

von Christina Hohmann, Eschborn

Tularämie ist eine tödlich verlaufende, pestähnliche Erkrankung bei Nagetieren. Aber auch Menschen können sich mit dem bakteriellen Erreger infizieren und schwer erkranken. Außer in Nagetieren und deren Ektoparasiten lauern die Keime auch im Wasser und in der Erde.

Ende 2001 bis März 2002 kam es im Kosovo zu einem größeren Ausbruch der Tularämie: Mehr als 700 Menschen in der Region um Lipjlan, Ferijaz und Pristine infizierten sich mit dem Erreger der auch als Hasenpest bezeichneten Erkrankung. Die Infektionskrankheit ist in der gesamten nördlichen Hemisphäre verbreitet. Betroffen sind vor allem die USA (Arkansas, Missouri, Oklahoma, Tennessee, Kansas und Utah), außerdem Kanada und Mexiko. Die Krankheit kommt auch in der ehemaligen Sowjetunion, in Japan, China und in Europa vor - hier vor allem in den Skandinavischen Ländern.

In Deutschland ist die Tularämie mittlerweile selten: Während sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch 100 bis 200 Menschen jährlich mit dem Erreger infizierten, tritt die Krankheit heute nur noch sporadisch auf; durchschnittlich erkranken zwei bis drei Menschen pro Jahr.

Der Erreger

Der Erreger der Tularämie ist das Bakterium Francisella tularensis, ein kleines gramnegatives, unbewegliches Stäbchen, das keine Sporen bildet. Es gehört zur Familie der Brucellacea, zu denen auch die Gattungen Brucella und Bordetella zählen. Während Brucella abortus, melitensis und suis für klassische Zoonosen verantwortlich sind, die hauptsächlich von Rindern, Ziegen und Schweinen auf Menschen übertragen werden, verursacht die Spezies Bordetella pertussis den Keuchhusten, der nur beim Menschen auftritt.

Francisella tularensis kann epidemiologisch, biochemisch und genotypisch in zwei Gruppen, so genannte Biovare, unterschieden werden: Das hochvirulente Francisella tularensis biovar tularensis (Typ A) und Francisella tularensis biovar holarctica (Typ B), das weniger virulent ist, jedoch auch schwere Krankheitsbilder hervorrufen kann. Wärme und Desinfektionsmittel zerstören die Bakterien, gegen Kälte sind die Keime allerdings relativ resistent. In gefrorenem Hasenfleisch können die Erreger bis zu drei Jahre überdauern.

Hoch infektiös

Als Reservoir dienen den Bakterien verschiedene kleine Säuger, vor allem Nagetiere wie Hasen, Kaninchen, Mäuse, Ratten, Biber und Eichhörnchen. Aber auch Haustiere, Vögel und Fische können infiziert sein. Die Tiere stecken sich entweder durch Kontakt mit kontaminiertem Schlamm oder Wasser an oder durch Blut saugende Parasiten wie Zecken, Milben, Flöhe und Mücken.

Als klassische Zoonose wird die Erkrankung dann von infizierten Tieren auf den Menschen übertragen. Da Francisella tularensis hoch kontagiös ist, gibt viele verschiedene Infektionswege. Durch Haut- oder Schleimhautkontakt mit infektiösem Tiermaterial wie etwa bei der Jagd, dem Schlachten oder Enthäuten von infizierten Tieren sind Infektionen ebenso möglich wie beim Verzehr von nicht ausreichend erhitztem Fleisch, das die Bakterien enthält. Aber auch durch kontaminiertes Wasser oder die Inhalation von infektiösem Staub aus Erde, Stroh oder Heu können sich Menschen anstecken. Weiterhin übertragen Blut saugende Parasiten wie Zecken, Mücken und Flöhe die Erreger von Nagetieren auf den Menschen. Auf Grund dieser Infektionswege erkrankt die ländliche Bevölkerung besonders häufig. Aber auch zu Laborinfektionen kann es beim Umgang mit den Erregern oder bei der Inhalation von erregerhaltigem Aerosol kommen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht bekannt.

Für Tiere tödlich

Tiere infizieren sich meist durch Ektoparasiten, seltener über kontaminierte Erde oder Wasser. Zwei bis drei Tage nach der Infektion verteilen sich die Bakterien über die Blutbahn im gesamten Organismus. Die infizierten Tiere sind schwach, fiebern und zeigen eine gesteigerte Atemfrequenz. Außerdem sind ihre Milz und die Lymphknoten stark vergrößert. Die meisten infizierten Tiere sterben innerhalb von 4 bis 13 Tagen.

Beim Menschen verläuft die Krankheit weniger dramatisch, kann aber ebenfalls zum Tode führen. Abgesehen von allgemeinen Symptomen wie Fieber, Unwohlsein und Muskelschmerzen ist das klinische Bild der Tularämie sehr unterschiedlich. Je nach Eintrittspforte des Erregers entstehen verschiedene Krankheitsformen. Nach Aufnahme der Erreger über Haut oder Schleimhäute entwickeln Patienten die äußere Form der Tularämie. An der Eintrittsstelle des Pathogens entsteht zunächst ein schmerzhaftes Knötchen, eine ulceröse Hautläsion, die später zerfällt. Die benachbarten Lymphknoten sind schmerzhaft geschwollen und können vereitern und einschmelzen. Wenn die Pathogene über die Haut eindringen, spricht man von einer kutano-glandulären Form. Bei einer okkulo-glandulären Tularämie sind die Erreger über die Schleimhäute der Augen, bei einer oral-glandulären über die Mundschleimhaut in den Körper des Menschen gelangt.

Neben der äußeren gibt es noch eine innere Form der Tularämie, die entsteht, wenn die Bakterien inhaliert werden oder sich auf dem Blutweg im Körper verbreiten. Bei dieser von hohem Fieber begleiteten Erkrankung ist entweder die Lunge betroffen (zum Beispiel Lungenentzündung), oder es entsteht ein septisches Krankheitsbild, das an Typhus erinnert. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sterben 2 bis 10 Prozent dieser Patienten. Nach einer überstandenen Infektion ist man über Jahre immun.

Direkter und indirekter Nachweis

Typische Anzeichen für Tularämie sind Hautulcera und Schwellungen der Lymphknoten. Ansonsten ist das klinische Bild recht unspezifisch. Der direkte Nachweis von Francisella tularensis durch Anzucht aus peripherem Blut, Abstrichen und Biopsien ist schwierig. Allerdings ist eine Kultur des Pathogens in Meerschweinchen, Ratten und Mäusen möglich. Über den Nachweis der Nukleinsäuren per Polymerase-Kettenreaktion (PCR) oder einen Antigen-Nachweis über Immunfluoreszenzmikroskopie lassen sich die Bakterien direkt nachweisen. Da es sich um einen hoch infektiösen Erreger handelt, sollte die Diagnostik in speziellen Sicherheitslaboratorien erfolgen und die Mitarbeiter über den Verdacht auf Tularämie informiert sein.

Ab der zweiten Krankheitswoche können die Erreger auch indirekt durch serologische Verfahren wie Agglutinationstests nachgewiesen werden: Ein mehr als vierfacher Anstieg der spezifischen Antikörper zeigt eine Infektion an. Da bei einigen Erregerstämmen Antibiotikaresistenzen nachgewiesen wurden, sollte möglichst vor Beginn der Therapie auf Resistenzen getestet werden.

Wirksame Antibiotika

Mittel der Wahl bei der Behandlung der Tularämie ist Streptomycin in der Dosierung zweimal ein Gramm pro Tag (i. m.) für 10 bis 14 Tage. Aber auch Gentamycin, Tobramycin, Tetracycline und Chloramphenicol sind gegen die Erreger wirksam. Gegenüber Penicillin und Sulfonamiden bestehen jedoch Resistenzen.

Für besonders gefährdete Personen wie Laborpersonal oder in der Land- beziehungsweise Forstwirtschaft Tätige existiert ein abgeschwächter Lebendimpfstoff, der in Deutschland auf Grund der geringen Zahl der Erkrankungen zurzeit nicht zur Verfügung steht.

Nach einer möglichen Exposition sollte rasch eine medikamentöse Prophylaxe mit Doxycyclin oder Ciprofloxacin für 14 Tage begonnen werden. Bei allen mutmaßlich Exponierten sollten die behandelnden Ärzte über 21 Tage nach dem möglichen Kontakt mit dem Erreger die Körpertemperatur überwachen. Diejenigen, die in diesem Zeitraum eine grippeähnliche Erkrankung oder Fieber entwickeln, sollten Antibiotika erhalten. Jeder Verdacht auf Tularämie, eine nachgewiesene Erkrankung sowie der Tod eines Patienten müssen laut Robert-Koch-Institut gemeldet werden.

 

Von Eichhörnchen zur Biowaffe Erstmals beschrieb George W. McCoy die Erkrankung im Jahr 1911 bei Eichhörnchen. Ein Jahr später gelang es Charles W. Chapin, den Erreger zu isolieren. Zwischen 1919 und 1928 beschäftigte sich Edward Francis sehr ausführlich mit der Erkrankung, der er auch den Namen gab: Tularämie nach dem County Tulare in Kalifornien, USA. Den sowjetischen Wissenschaftlern H. A. Gaiski und B. Y. Elbert gelang zwischen 1936 und 1950 die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Hasenpest. Die Wissenschaftler nannten die Bakteriengattung zu Ehren von Francis in Francisella um. In der Schlacht von Stalingrad soll nach Berichten der sowjetischen Verantwortlichen der Erreger als Biowaffe gegen deutsche Wehrmachtssoldaten eingesetzt worden sein.

 

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