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Kontrollgespräche machen krank

03.11.2003
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Kontrollgespräche machen krank

von Patrick Hollstein, Berlin

Da ärztliche Krankschreibungen durch arbeitsunwillige Angestellte gelegentlich als Zusatzurlaub missbraucht werden, setzen immer mehr Betriebe auf die abschreckende Wirkung so genannter Krankenrückkehrgespräche. In der Praxis ist dies oft unzureichend umgesetzt, belegt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie der Universität Köln.

Obwohl der Krankenstand insgesamt rückläufig sei, beobachte er bei vielen Firmen ein wachsendes Interesse an Maßnahmen zur Reduktion von Fehlzeiten, stellte Professor Dr. Holger Pfaff von der Universität Köln fest. Grund seien vor allem die immer dünner werdenden Personaldecken der Unternehmen.

Wer nach einer Krankheit an seinen Urlaubsplatz zurückkehrt, muss sich daher in immer mehr Betrieben einem Gespräch mit seinem Vorgesetzten stellen. Der Automobilhersteller Opel hatte als eines der ersten Unternehmen Mitte der 90er-Jahre ein System in mehreren Stufen eingeführt, das regelmäßig ausfallende Angestellte bis zum Gespräch mit der Personalabteilung bringen kann.

Die nun veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass über 80 Prozent von etwa 130 befragten Unternehmen der Automobilindustrie die Durchführung von Rückkehrgesprächen vorsehen. Die praktische Umsetzung durch leitende Angestellte erfolge allerdings inkonsequent, ergänzt Pfaff die hohe Verbreitungsquote. Nur etwa die Hälfte aller Arbeitsausfälle würde tatsächlich zwischen Vorgesetztem und Angestelltem besprochen, und nur in den wenigsten Fällen wurden vereinbarte Maßnahmen tatsächlich umgesetzt. Eine Reduktion der Fehlzeiten ist laut Pfaff bei inkonsequenter und unsystematischer Umsetzung des Konzepts nicht zu beobachten.

Fingerspitzengefühl notwendig

Es handele sich um eine soziale Innovation mit extremer Verbreitung, deren erfolgreiche gesundheits- und wirtschaftlichkeitsfördernde Umsetzung durch den Vorgesetzten allerdings viel Fingerspitzengefühl erfordere. Die verantwortlichen Führungskräfte fühlen sich laut Pfaff in der Regel aber zu wenig geschult und in der neuen Rolle eines Gesundheitsmanagers überfordert.

Druck sowie die Androhung arbeitsrechtlicher Konsequenzen könnten sogar demotivierend wirken und verstärkt zu Fehlzeiten führen, so Pfaff. Zwar schätzt die Hälfte der etwa 150 befragten Angestellten Rückkehrgespräche als harmlos ein. Weitere 30 Prozent können dem Konzept sogar als positive Seite abgewinnen, dass ihr Vorgesetzter sich um sie kümmert. Doch vor allem chronisch kranke, alte und ausländische Mitarbeiter empfinden Rückkehrgespräche als belastend und diskriminierend. Gesundheitsschädliche Folgen wie die Manifestierung ernster Erkrankungen infolge der Unterlassung von Arztbesuchen sind laut Pfaff im schlimmsten Fall möglich.

Der Autor der Studie empfiehlt Betriebsleitern, insbesondere auf das Modell der eskalierenden Gesprächsstufen zu verzichten. Die Einführung und Umsetzung von Rückkehrgesprächen sollte transparent erfolgen, Gespräche sollten „human“ und nur durch geschulte Vorgesetzte geführt werden. Eine solide betriebliche Gesundheitsförderungspolitik sowie gute Führungsbedingungen machten Krankenrückkehrgespräche sogar gänzlich überflüssig. Top

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