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Tote können sich nicht nachhaltig entwickeln

30.09.2002
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Aids und Ökonomie

Tote können sich nicht nachhaltig entwickeln

von Christina Hohmann, Tönisvorst

Jedes Jahr sterben drei Millionen Menschen an der Immunschwächekrankheit Aids, obwohl Medikamente zur Verfügung stehen, die aus der tödlichen Infektion eine chronische Erkrankung machen können. Doch in weiten Teilen der so genannten Dritten Welt sind diese Präparate unbezahlbar.

Welche Konsequenzen die Aids-Epidemie auf die wirtschaftliche Entwicklung armer Länder hat, verdeutlichte eine Fachtagung des Deutschen Medikamentenhilfswerkes Action Medeor in Tönisvorst.

„Dass extreme Armut zu Krankheit führt, ist allgemein anerkannt“, erklärte Dr. Matthias Vennemann, International Health Consultant aus Münster. „Aber die Umkehrung, dass Krankheit auch zu Armut führt, ist viel zu lange unberücksichtigt geblieben.“ Dieser Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Gesundheit ist allerdings eindeutig belegt, wie die „Commission on Macroeconomics and Health“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem Ende 2001 erschienenen Report bestätigt. Der schlechte Gesundheitszustand der Bevölkerung der Dritten Welt beeinflusst die wirtschaftliche Entwicklung. Zum einen ist die Arbeitsproduktivität niedriger, je kränker der Mensch ist. Zum anderen drückt Krankheit das Bildungsniveau, denn unterernährte und kranke Kinder lernen schlecht. Zusätzlich sind Länder mit hohen Krankenzahlen für personalintensive Investitionen aus dem Ausland wenig attraktiv.

Ein Hauptfaktor, der die am schwächsten entwickelten Länder in der Armutsfalle hält, ist die niedrige Lebenserwartung, so Vennemann. Um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, ist es daher dringend erforderlich, die hohe Sterblichkeit zu senken. In den letzten Jahren konnten auf diesem Gebiet allerdings keine Erfolge erzielt werden. Im Gegenteil: In einigen Ländern sank die durchschnittliche Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre. Die Aids-Epidemie macht die geringen Fortschritte der vergangenen Jahre zunichte. „In Botswana liegt die durchschnittliche Lebenserwartung zurzeit bei 40 Jahren“, berichtete Vennemann. „Nach Schätzungen wird sie in zehn Jahren bei etwa 30 Jahren liegen.“ Für die Wirtschaft Afrikas hat die Aids-Epidemie katastrophale Folgen. Sie trifft die produktivste Altersgruppe, dem Markt gehen Arbeitskräfte verloren. Auf dem Land sind Betroffene beziehungsweise deren Angehörige häufig gezwungen, auf Grund der hohen Therapie- und Beerdigungskosten ihr Hab und Gut zu verkaufen, was in die totale Verarmung führt. Den großen Konzernen machen der hohe Krankenstand und die starke Mitarbeiterfluktuation zu schaffen. Außerdem wirkt sich die grassierende Aids-Epidemie negativ auf die Arbeitsmoral und das Betriebsklima aus.

„Priced out of reach“

Mit der antiretroviralen Therapie (ART) steht eine Behandlung der HIV-Infektion zur Verfügung, die nicht nur das Leben der Betroffenen deutlich verlängert, sondern auch deren Lebensqualität entscheidend verbessert. Unter Therapie können Infizierte ein normales Leben führen, einer Beschäftigung nachgehen und ihre Kinder erziehen. Der größte Bedarf für diese Arzneimittel besteht in Schwarzafrika, denn hier leben fast 30 Millionen der weltweit insgesamt 40 Millionen HIV-Infizierten. Von diesen haben allerdings nur knapp 30.000, also jeder Tausendste, Zugang zu antiretroviralen Medikamenten. Denn die Therapiekosten betragen meist ein Vielfaches des durchschnittlichen Gehalts.

Um auch der Bevölkerung der ärmsten Länder Zugang zu den lebensrettenden Medikamenten zu ermöglichen, riefen die Mitglieder der UNO-Sonderversammlung im Juni 2001 einen globalen Gesundheitsfonds ins Leben. Der „Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria“ ist ein reines Finanzierungsmittel, keine Durchführungsorganisation, erklärte Dr. Christoph Benn, vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission e. V. (DIFÄM) in Tübingen. Im Jahr 2002 vergibt der Fonds 620 Millionen Dollar an Projekte, die antiretrovirale Arzneimittel zur Verfügung stellen oder die Prävention fördern. 2 Milliarden Dollar ist dem Fonds bereits zugesagt worden. Das Ziel des Vorstandes – 5 bis 10 Milliarden Dollar pro Jahr – wurde verfehlt. Dabei lohnen sich die Investitionen in die Gesundheit der Armen: Wie die „Commission of Macroeconomics and Health“ der WHO berichtet, zahlen sich der Einsatz durch ein erhöhtes Weltwirtschaftswachstum um ein Vielfaches aus.

Menschenrecht gegen Patentschutz

Ein Grund, warum die antiretrovirale Therapie in Entwicklungsländern für weite Teile der Bevölkerung nicht finanzierbar ist, ist das umstrittene TRIPS-Abkommen (TRIPS = Trade-related Aspects of Intellectual Property Rights). Dieses Abkommen über handelsbezogene Aspekte geistigen Eigentums gehört zum Vertragspaket der Welthandelsorganisation (WTO). Länder der Dritten Welt, die der WTO beitreten, erkennen unter anderem auch den Patentschutz für Medikamente an, sagte Tobias Luppe von Ärzte ohne Grenzen, Berlin. Und sind so für die Dauer des Patentschutzes, also für bis zu 20 Jahre, einer „Preisdiktatur“ ausgesetzt. Diese Regelung hat starke Konsequenzen für die Infizierten, denn der überwiegende Teil der Betroffenen kann sich die ART nicht leisten.

90 Prozent ihres Umsatzes mit antiretroviralen Arzneimitteln machen die Hersteller in den westlichen Industrienationen, nur etwa 1 Prozent in Afrika. „Afrika ist wirtschaftlich uninteressant“, so Luppe. Dies zeigt sich auch darin, dass die Forschung zu Tropenkrankheiten völlig brach liegt. Seit 40 Jahren sei kein einziges Tuberkulosemedikament mehr auf den Markt gekommen, sagte Luppe. Und das obwohl fast zwei Millionen Menschen jedes Jahr an der Infektionskrankheit sterben.

Um der Bevölkerung Zugang zu lebensrettenden Arzneimitteln zu ermöglichen, sind den Regierungen im TRIPS-Abkommen ausdrücklich Ausnahmen erlaubt. Sie haben das Recht, in Notsituationen den Patentschutz außer Kraft zu setzen, so genannte Zwangslizenzen zu vergeben und billige Nachahmerpräparate im eigenen Land herzustellen. Um Zwangslizenzen vergeben zu können, müssen die Regierungen den Notstand erklären, den Lizenzinhabern Gebühren bezahlen und den Zeitraum der Generikaproduktion genau festlegen.

Die Mehrheit der Entwicklungsländer kann diese Ausnahmeregelung des TRIPS-Abkommens allerdings gar nicht nutzen. Selbst unter Zwangslizenzen können sie keine Generika herstellen, weil sie nicht die notwendige Kapazität hierzu besitzen, erklärte Luppe. Sie müssten die Präparate aus dem benachbarten Ausland oder aus Ländern mit großer Generikaproduktion wie Indien einführen. Ob dies erlaubt ist, bleibt allerdings unklar. Denn laut TRIPS-Abkommen sind unter Zwangslizenz hergestellte Generika für den Binnenmarkt gedacht. Diese Frage soll auf der nächsten Konferenz der WTO-Minister verhandelt werden. „Wir werden den Kampf gegen Aids nicht gewinnen, solange wir von der Pharmaindustrie abhängig bleiben“, erklärte Luppe. Aber er stellte auch klar, dass die Pharmaindustrie nicht der „große Buhmann“ ist. „Nicht die Firmenvertreter haben das TRIPS-Abkommen ausgehandelt, sondern die Politiker.“ Von der Politik fordert er nun rasche Maßnahmen, um die Versorgungssituation der HIV-Infizierten in der Dritten Welt zu verbessern.

Lokale Produktion als Ausweg

Ein Vorreiter auf dem Gebiet der lokalen Generikaproduktion ist Thailand, das mittlerweile 400 verschiedene Nachahmerprodukte zu verschiedenen Indikationen herstellt. 1992 begann die Pharmazeutin Dr. Krisana Kraisintu, Leiterin der Forschungsabteilung der Government Pharmaceutical Organization (GPO), Generika zu entwickeln. Besonderen Wert legte sie dabei auf antiretrovirale Medikamente, um den an die 1,5 Millionen Infizierten ihres Landes helfen zu können. Trotzdem die HIV-Epidemie in Thailand durch erfolgreiche Präventionsarbeit eingedämmt werden konnte, sind etwa 2,5 Prozent der 62 Millionen Einwohner HIV-positiv.

Seit 1988 stehen in Thailand antiretrovirale Medikamente als Originalpräparate zur Verfügung. „Die konnte sich aber nur die Oberschicht leisten“, so Kraisintu. Um die mittlerweile rund 100.000 Aidskranken den Zugang zur ART zu ermöglichen, begann die Pharmazeutin, Generika in lokaler Produktion herzustellen. An der GPO, das dem thailändischen Gesundheitsministerium angeschlossen ist, entwickelte sie bereits Nachahmerprodukte mit antiretroviralen Substanzen wie Didanosin, Zidovudin, Lamivudin oder Stavudin. Seit März ist das Präparat GPO-Vir auf dem Markt – eine Kombination aus den drei Wirkstoffen Stavudin, Lamivudin und Nevirapin. Es ist mit einem Preis von 27 Dollar monatlich das billigste Aids-Medikament der Welt und insgesamt 20 mal preiswerter als die drei Einzelpräparate.

Nun hat die Pharmazeutin ihre Stelle bei der thailändischen Regierung gekündigt und will in Zukunft ihre Erfahrungen und ihr Know-how nach Afrika exportieren, um auch den Menschen dort den Zugang zur ART zu ermöglichen. Hierfür gründete Kraisintu eigens die Nichtregierungsorganisation „Initiative on Pharmaceutical Technology Transfer“ mit Sitz in Pretoria, Südafrika. Beginnen will sie mit der Herstellung der günstigen Arzneimittel in Äthiopien, weil dort die drei in GPO-Vir enthaltenen Wirkstoffe nicht patentgeschützt sind. Dann sollen weitere Länder wie Eritrea, Nigeria und Zimbabwe folgen. Geplant sind zwei Produktionsstätten pro Land.

Von der lokalen Herstellung günstiger Aids-Medikamente erhofft sich Kraisintu einen revolutionären Preisverfall und eine starke Erhöhung des Medikamentenzugangs in Afrika. Die Produktion der Generika soll bereits 2004 in Äthiopien starten, so die optimistische Schätzung von Kraisintus Mitstreiter Dr. Giorgio Roscigno von der Global Alliance for TB Drug Development in Brüssel. Auch er ist von der Strategie der lokalen Produktion überzeugt, denn Medikamentenspenden seien nur eine kurzzeitige Lösung. „Niemand verschenkt Arzneimittel für die nächsten 50 Jahre“, sagte Roscigno. „Die Länder brauchen eine eigene Lösung.“ Top

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