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Ein Jubiläum zur rechten Zeit

27.09.1999
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-Wirtschaft & HandelGovi-Verlag25 JAHRE RATIOPHARM

Ein Jubiläum zur rechten Zeit

von Erdmuthe Arnold, Ulm

Bereits im Hauptbahnhof ist schnell zu erkennen, wer einer der wichtigsten Arbeitgeber in der süd-württembergischen Stadt Ulm ist. "Ratiopharm" prangt über dem Aus- und Eingang und Ziel war der Festakt zum 25-jährigen Bestehen des ersten deutschen Generikaherstellers am 15. September 1999 im Stadthaus, von dem die Apothekerschaft 1974 bei der Gründung am 19. September sagte: "Das Projekt Ratiopharm ist zum Scheitern verurteilt!".

Daran erinnerte der Präsident des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg, Fritz Becker, in seiner Grußansprache. Heute müsse dagegen alle Mühe auf die Überzeugensarbeit verwandt werden, um öffentlich darzulegen, dass das Unternehmen mit Rationierung nichts zu tun habe und ein verlässlicher sowie kundenfreundlicher Partner der Apotheken aber auch der Patienten sei, sagte Becker weiter in seiner Reverenz gegenüber dem Gründer des Unternehmens, Rechtsanwalt Dr. Adolf Merckle, seiner und der Unternehmensleitungs.

"Ohne Generika wäre die GKV schon längst nicht mehr finanzierbar", meinte Becker anspielend auf die neue, heftig diskutierte Reformrunde unter Bundesgesundheitsministerin Fischer. "Ratiopharm kann in der Diskussion um die Gesundheitsreform gut mithalten", sagte sichtlich stolz der Oberbürgermeister Ivo Gönner, der die Gäste in Ulm begrüßte. Professor Dr. Wolfgang Brech, 1. Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Süd-Württemberg, würdigte das große Verdienst Ratiopharms um die pharmazeutische Kunst der Bioäquivalenz von Wirkstoffen.

Für ihn sind die qualitativ gleichwertigen Generika von Originalpräparaten in Zeiten eines drohenden Globalbudgets zu einem politischen Postulat geworden. Den Ärzten werde damit geholfen, die heutigen Probleme zu lösen. – Offenkundig begab sich die Ratiopharm-Führung mit der Feier also wieder einmal in die öffentliche Arena, die der Gründer Adolf Merckle ansonsten zu meiden sucht.

Nummer 1 im Generikamarkt

Auf die Geschichte Ratiopharms ging Dr. Klaus Lichtenberger ein, der selbst – damals als Arzt tätig - von "Ausdrücken wie Generikum, Originalhersteller, bezugnehmende Zulassung, Bioäquivalenz, gesicherte Qualität aber preisgünstig, AUC und Cmax, Patentablauf, Rohstoff vom Weltmarkt" nichts hören wollte und dann in verantwortlicher Position miterlebte, wie Ratiopharm trotz aller Widerstände seitens der Ärzte- und Apothekerschaft, den forschenden Unternehmen und den zunehmenden Generika-Wettbewerbern eine Erfolgsstory schrieb (siehe Tabelle).

Umsatzentwicklung bei Ratiopharm 1974 bis 1999

RatiopharmWirkstoffeUmsatz in Mio. DM nach 5 Jahren 42 30 nach 10 Jahren 65 115 nach 15 Jahren 100 330 nach 20 Jahren 180 680 im 25. Jahr 1999 265 850

Im zweiten Jahrzehnt, so Lichtenberger, musste Ratiopharm nicht nur auf ernst zu nehmende Konkurrenz im Generikamarkt, sondern auch auf Rosinenpicker-Firmen reagieren, die eine fragliche Qualität betrieben, so dass die inzwischen anerkannte Qualität der Generika wieder in Frage gestellt und unter die Lupe genommen wurde, insbesondere vom Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker (ZL) in Eschborn. Ratiopharm trat diesem Hürdenlauf mit einer eigenen Qualitätsdokumentation aller Präprate entgegen.

Ebenso flexibel reagierten die Ulmer, als die Mauer am 9. November 1989 fiel. Bereits vier Tage später, so Lichtenberger, tauchten die ersten Außendienstmitarbeiter in Ostberliner Apotheken auf und boten die Präparate zu Ostpreisen an. Seither "ist Ratiopharm die Nummer 1 von allen ehemaligen westlichen Firmen in den neuen Bundesländern und konnte im 20. Jahr des Bestehens den Umsatz innerhalb von fünf Jahren auf 680 Millionen DM" verdoppeln.

Konkurrenz wächst

Inzwischen sieht sich das Unternehmen nicht nur in Konkurrenz zu den Originalherstellern, sondern zusätzlich zu 40 Generikafirmen auf dem deutschen Markt. Und dieser wird immer schwieriger und kostspieliger. Lichtenberger verwies hierzu auf das langwierige Zulassungprocedere für neue Arzneimittel auch in der Europäischen Union sowie die keineswegs zugunsten der Generikahersteller agierende Politik. Immer neue Festpreise auf niedrigstem Niveau sowie Arzneimittellisten machen zu schaffen.

Für den in Deutschland mit jährlich über 130 Millionen verkauften Packungseinheiten führenden Generikahersteller bedeute dies "weiterhin gewaltige Anstrengungen zur Kostensenkung" (Lichtenberger). Es bedürfe aber auch vieler engagierter und motivierter Mitarbeiter.

Im Jubiläumsjahr beschäftigt Ratiopharm in Ulm 600 Menschen. Hinzu kommen die vielen Beschäftigten der Muttergesellschaft Merckle, die für die Herstellung der Generika zuständig ist. Sie bringt es auf insgesamt 1900 Mitarbeiter. Die Firmengruppe erreicht inzwischen einen Jahresumsatz von 1 Milliarde DM (Gewinn- und Ertragszahlen werden grundsätzlich nicht genannt) und strebt an, nunmehr in Europa die Nummer 1 zu werden. Diese neue Zielvorgabe machte Ludwig Merckle, Geschäftsführer der Merckle GmbH.

Nach wie vor ist Unternehmensphilosophie, "hochwertige Originalqualität unter generischer Bezeichnung zu günstigen Preisen in einer breiten Palette herzustellen und zu vertreiben" und damit "einen aktiven Beitrag zur Kostensenkung im Gesundheitswesen leisten", sagt Ratiopharm-Geschäftsführer Andreas Kierndorfer. Von Anfang an habe man eine transparente Namensgebung benutzt, bei der die Substanzbezeichnung im Produktnamen mitgeführt werde. Ein Konzept, das sich bewährt habe. Top

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