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Forschende Pharmakonzerne drohen mit Arbeitsplatzabbau und Investitionsstopp

04.08.2003
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Reform

Forschende Pharmakonzerne drohen mit Arbeitsplatzabbau und Investitionsstopp

von Thomas Bellartz, Berlin

Cornelia Yzer kam ganz in schwarz. Und auch die Konzernvertreter hatten ihre dunkelste Miene aufgezogen. Das Signal sollte unmissverständlich sein: Die forschenden Arzneimittelhersteller drohen angesichts der geplanten Gesundheitsreform mit Investitionsstopps und Arbeitsplatzabbau.

Die in der Konsensrunde von Ulla Schmidt und Horst Seehofer ausgehandelte Reform setzt nach Ansicht der forschenden Arzneimittelhersteller massiv Arbeitsplätze und den Wissenschaftsstandort Deutschland als Ganzes aufs Spiel. „Ein staatlich verordneter 16-prozentiger Zwangsrabatt und die Aushebelung des Patentschutzes durch Festbeträge stellen Deutschland als zukunftsfähigen Forschungsstandort grundsätzlich in Frage“, kritisiert die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Cornelia Yzer, am Montag in Berlin. Sie sprach von einem beispiellosen „Frontalangriff“. Konkrete Angaben über die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze machte sie nicht.

Geplant ist, dass die Pharmaindustrie zu dem von Regierung und Opposition gemeinsam geplanten Einsparvolumen von 20 Milliarden Euro rund eine Milliarde Euro durch Zwangsrabatte und Festpreise beitragen. Auf Vorhaltungen, dieser Betrag sei angesichts der Belastungen für Patientinnen und Patienten gering, betonte Yzer, dass die Belastungen für die Industrie jährlich auflaufen und insoweit im Gesamtvolumen nicht vollständig aufgeführt werden.

Vertreter von VFA-Mitgliedsfirmen erläuterten, der vorgesehene Zwangsrabatt werde im Deutschland-Geschäft unausweichlich zu roten Zahlen führen. Die Folgen seien „sofortiger Investitionsstopp, Einstellungsstopp und Arbeitsplatzabbau“. Der Vorstandschef der Schwarz Pharma AG, Patrick Schwarz-Schütte, bezifferte für sein Haus den Zwangsrabatt-Verlust auf etwa 10 Millionen Euro. Dieser könne nur durch Kostensenkungen und den Abbau von 200 Stellen aufgefangen werden. „Ich bin ein Patriot“, ließ Schwarz-Schütte wissen. Er führe das Unternehmen, das sein Vater gegründet habe. Die Regierung habe den falschen Ansatz gewählt.

Auf dem Weg ins Abseits

Ähnlich sieht dies das für Forschung und Entwicklung zuständige Vorstandsmitglied von Boehringer Ingelheim, Dr. Andreas Barner. Er kritisiert, mit den Reformplänen werde hier zu Lande „ein ganzes Forschungsgebiet aufgegeben“. Deutschland stelle sich damit international „ins Abseits“. Die „Botschaft“ der Politik an die forschenden Unternehmen sei: „Patente sind in Deutschland nichts mehr wert.“ Die zu erwartenden Verluste stünden für Forschungsaufwendungen nicht mehr zur Verfügung: Dies wirke sich auch auf die Universitäten negativ aus.

Auch für Stefan Oschmann, Deutschland-Chef von MSD Sharp & Dome, will sich mit den Plänen der Politik nicht abfinden. Man habe verschiedene Planungen bereits eingestellt, erklärte der Manager. Eine detaillierte Antwort auf die Einsparmöglichkeiten im Marketingbereich der Pharmakonzerne blieb Oschmann allerdings schuldig. Man müsse die Ärzte über die Produkte informieren, erklärte der MSD-Chef. Und bei forschungsintensiven Branchen gebe es immer auch einen hohen Marketingaufwand.

Yzer wies darauf hin, dass die Branche allein durch die bereits beschlossenen Kostendämpfungsgesetze 2003 mit Umsatzverlusten von mehr als zwei Milliarden Euro belastet sei. Mit den nunmehr geplanten Eingriffen summierten sich die Einbußen im kommenden Jahr auf drei Milliarden Euro. Der VFA dringt auf Sicherung des Patentschutzes und lehnt verordnete Preisfestsetzungen ab. Sollten die Reform-Pläne umgesetzt werden, „werden die Medikamente zwar nicht billiger sein, aber das Know-how, die Arbeitsplätze und die Wertschöpfung gehen unserem Land verloren“, warnte Yzer.

Klaus-Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, wies die VFA-Kritik zurück. Er verwies auf die Task-force zur Standortverbesserung. Es habe bereits erste erfolgreiche Gespräche gegeben. Dies wird von Unternehmensvertretern allerdings nicht bestätigt. Schröder sagte, es gebe im internationalen Vergleich kein marktnäheres Instrument als die Festpreise „wie sie in Deutschland gelten“. Die forschenden Arzneimittelhersteller sollten ihre Anstrengungen auf echte Innovationen konzentrieren. „Dann haben sie gute Chancen im internationalen Wettbewerb.“ Top

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