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Wir brauchen den Apotheker

01.08.2005  00:00 Uhr
Interview

Wir brauchen den Apotheker

von Thomas Bellartz, Berlin

In der aktuellen Debatte um die Ausgaben für Arzneimittel springen viele Diskutanten zu kurz. Eine detaillierte Analyse eines mittelständischen Pharmaherstellers lieferte im Gespräch mit der PZ der Vorstandsvorsitzende der Bionorica AG, Professor Dr. Michael Popp.

PZ: Die Klagen deutscher Pharmahersteller sind erheblich. Wie geht es der Bionorica AG?

Popp: Uns geht es sehr gut.

PZ: Das klingt angesichts der Reaktionen anderer mittelständischer Unternehmen sehr positiv.

Popp: Wir haben uns auf Eingriffe wie das GMG alle lange vorbereiten können. Es war doch klar, dass irgendwann Regelungen via Positivliste, Nachzulassungen oder ein Gesetz wie das GMG kommen.

PZ: Welche Strategie hat dazu geführt, dass Sie die Entwicklung positiver betrachten als manche Ihrer Kollegen?

Popp: Ich habe beispielsweise neben den Nachzulassungen auch noch Neuzulassungen eingereicht. Und wir sind bereits seit Anfang der 90er-Jahre konsequent zum Apotheker gegangen. Und diese bewusste Balance zwischen Arzt und Apotheker hilft uns heute weiter.

PZ: Die Kritik von Unternehmen an der Sprunghaftigkeit der Gesundheitspolitik teilen Sie nicht?

Popp: Auch für mich als Unternehmer gibt es das Problem, dass wir seit Jahren keine Nachhaltigkeit in der Gesundheitspolitik sehen. Aber jede Veränderung bietet auch die Chance, sich zu profilieren und jede Herausforderung zu meistern.

PZ: Die nächste Herausforderung kommt. Was halten Sie von der Erhöhung der Mehrwertsteuer?

Popp: So schwierig dies auch für Politiker durchzusetzen scheint: Die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel muss mindestens halbiert werden. Damit würden Arzneimittel erschwinglicher. Und das spielt in Zeiten, in denen immer mehr Verantwortung zum Patienten verlagert wird und die Selbstmedikation immer stärker betont wird, eine bedeutende Rolle.

PZ: Angesichts der aktuellen Debatte um Arzneimittelausgaben wird das Verhältnis von Herstellern und Apothekern wieder öffentlich diskutiert.

Popp: Für mich ist klar, dass wir in den Fachkreisen bleiben. Wir arbeiten mit sehr spezifischen, auf die Apotheke zugeschnittenen Daten. Das bedeutet, dass wir den Apotheker noch besser beraten und informieren können.

PZ: Es geht also nicht nur um eine optimierte Lieferung in die Apotheke?

Popp: Natürlich nicht. Das würde heutzutage längst nicht mehr reichen. Während im Zuge des GMG andere Hersteller ihren Außendienst teilweise drastisch abgebaut haben, verstärkten wir unsere Teams. Hilfreich war übrigens auch das von Apothekern und Herstellern entwickelte Grüne Rezept.

PZ: Aber ist die Kurzatmigkeit politischer Entscheidungen für einen mittelständischen Hersteller nicht eine auf lange Sicht zu große Herausforderung?

Popp: Nein. Wir haben uns strategisch aufgestellt und passen uns permanent den politischen Veränderungen an. Außerdem bemühen wir uns, unsere Marken noch bekannter zu machen und noch besser in den Apotheken zu platzieren. Das funktioniert sehr gut.

PZ: Das erscheint für einen Hersteller pflanzlicher Arzneimittel beinahe überraschend.

Popp: Wir bemühen uns seit vielen Jahren darum, die Wirksamkeit und Sicherheit unserer Produkte mit wissenschaftlichen Daten zu belegen. Darauf können sich nicht nur die Ärzte und Apotheker, sondern auch die Patienten verlassen. Das schafft Vertrauen.

PZ: Wie wichtig ist überhaupt noch die Apotheke?

Popp: Heute beliefern wir rund 8000 Apotheken direkt. Da haben sich im Laufe der Jahre gute Partnerschaften entwickelt. Wichtig ist uns der Austausch. Nur im ständigen Dialog zwischen uns als Hersteller und den Apotheken können wir unsere Philosophie und Qualität auch zu den Patienten transportieren und erfahren, was wir richtig machen, und was wir verbessern können.

PZ: Einen Draht pflegen Sie als Hersteller ins politische Berlin. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen machen Sie persönlich Lobbying in Politik und Medien. Was treibt Sie an?

Popp: Ich fühle mich absolut ungerecht behandelt von der Politik, und von daher möchte ich die Vorzüge nicht-verschreibungspflichter Arzneimittel deutlich machen. Politikern muss klar werden, dass Arzneimittel risikoärmer und preiswerter sind, als gemeinhin angenommen. Außerdem kämpfe ich dafür, dass wir in den fairen Wettbewerb zurückkehren, dass Arzneimittel bei gewissen Indikationen generell erstattet werden, oder in anderen Indikationen auch keine verschreibungspflichtigen Arzneimittel mehr erstattet werden.

PZ: Eine eher radikale Position.

Popp: Das ist nicht radikal, sondern fair für den Hersteller und für die Patienten. Ich jedenfalls traue mir und meinen Mitarbeitern zu, dass wir uns in einem freien und fairen Wettbewerb noch besser behaupten können.

PZ: Der pharmazeutische Mittelstand hat ein nicht immer einfaches Standing in der Hauptstadt.

Popp: Ich setze mich als selbstständiger Unternehmer natürlich für den Mittelstand ein.

PZ: Was erwarten Sie von der Neuwahl im September?

Popp: Wenn es darum geht, wieder in allen Ebenen Vertrauen bei der Bevölkerung zu schaffen, dann brauchen wir eine Entbürokratisierung im Gesundheitswesen, bis hin zum Heilmittelwerbegesetz. Es könnte deutlich mehr Wettbewerb zwischen den Kassen geben, eine Vereinfachung der Steuergesetzgebung und ein unternehmerfreundliches Arbeitsrecht, das es ermöglicht, in Jobs zu investieren.

PZ: Wie läuft es für Bionorica konkret? Sie haben in den letzten Jahren den Blick nach Osteuropa gewendet.

Popp: Wir konnten uns in den vergangenen Jahren sehr gut in den osteuropäischen Märkten etablieren. Das werden wir weiter vorantreiben. Auch in Deutschland wollen wir unsere Marktanteile ausbauen. Seit Jahresbeginn jedenfalls konnten wir ein gut zweistelliges Umsatzwachstum verbuchen.

PZ: Sie setzen also weiterhin auf Wachstum?

Popp: Natürlich. Wir legen dauernd nach, stellen Mitarbeiter ein, ich gebe weitere Werbebudgets frei. Das tue ich, weil ich weiß, dass ich den Markt, den ich jetzt gewinne, auch in Zukunft haben werde. Dabei helfen mir integrierte Kampagnen. Ich muss überall sein: beim Arzt, beim Apotheker, in den Medien. Es geht dabei um gemeinsame Aktionen zur rechten Zeit, am rechten Ort. Das bewährt sich besonders bei Erkältungswellen.

PZ: Leidet Bionorica nicht darunter, dass mit Sinupret nur eine echte Marke platziert ist?

Popp: Leid verursacht das nicht. Aber Sie haben Recht: Wir bemühen uns derzeit, Marken um Sinupret herum aufzubauen. Ich denke, das wird uns mittelfristig gelingen. Aber auch da setzen wir auf die Partnerschaft mit den Apotheken.

PZ: Wie kann diese Partnerschaft noch weiter ausgebaut werden?

Popp: Für mich ist der Apotheker auf Grund seiner Ausbildung der Fachmann für klinisch geprüfte pflanzliche Arzneimittel ­ was wir unter Phytoneering-Präparaten verstehen ­ und damit der Berater für den Patienten in der Selbstmedikation. Gerade in einer Zeit, in der viele chemisch-synthetische Blockbuster vom Markt genommen werden, benötigt der Patient die richtige Beratung für seine Gesundheit. Das hilft Herstellern wie Bionorica, weil immer mehr Menschen erkennen, dass es im Arzneimittelmarkt bislang zu wenig beachtete Alternativen gibt.

PZ: Das klingt nach »zurück zur Natur«.

Popp: Warum nicht? Die Natur bietet so viel. Das können wir uns mit modernen Technologien nutzbar machen. Es wäre fahrlässig, dieses Feld brach liegen zu lassen, denn es geht um praktische und preiswerte Arzneien.

PZ: Preiswert aus dem Discounter?

Popp: Auf keinen Fall. Wir brauchen den Apotheker im Boot; er ist der Arzneimittel-Fachmann schlechthin. Nur der Apotheker kann den Patienten die richtigen, qualitativ hochwertigen und klinisch geprüften pflanzlichen Arzneimittel für seine Erkrankung empfehlen. Deswegen setzen wir auf die Apotheke. Top

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