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Schluckhilfe à la Chirac

26.04.2004
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Pharmaindustrie

Schluckhilfe à la Chirac

PZ/dpa/vwd  Mit tatkräftiger Unterstützung der französischen Regierung hat der Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo nach monatelanger Übernahmeschlacht den Milliardenpoker um Aventis gewonnen. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac soll persönlich interveniert haben.

Der deutsch-französische Pharmakonzern gab seinen Widerstand gegen den Aufkauf auf, nachdem Sanofi sein Angebot um fast 7 Milliarden Euro erhöht und die Bedeutung der Aventis-Standorte in Deutschland betont hat. Damit hat Frankreich sein „strategisches Ziel“ erreicht, den weltweit drittgrößten Pharmakonzern im eigenen Land zu schaffen. Die französischen Gewerkschaften reagierten zufrieden, viele deutsche Arbeitnehmer waren besorgt. Die EU-Kommission billigte die Übernahme mit Auflagen.

Aventis habe das von 48,5 auf 55,3 Milliarden Euro erhöhte Angebot akzeptiert, teilte Sanofi am Montag in Paris mit. Den Aktionären werden für je sechs Aventis-Aktien fünf Titel von Sanofi-Synthélabo sowie 120 Euro in bar geboten. Nur die Vertreter der Arbeitnehmer im Aventis-Aufsichtsrat stimmten dagegen; der Großaktionär Kuwait Petroleum (13,5 Prozent der Anteile) enthielt sich.

Die EU-Kommission erlaubte die Übernahme am Montag unter der Bedingung, dass der neue Branchenriese bestimmte Medikamente abgibt oder über Lizenzen für Konkurrenten zugänglich macht. Sanofi verpflichtete sich, das Werk für die Thrombose-Mittel Fraxiparine und Arixtra in Nordfrankreich an den Konkurrenten GlaxoSmithKline zu verkaufen. Aventis wird auf die Lizenzrechte des Darmkrebs-Mittels Campto verzichten.

Die Banken räumten Sanofi noch am Samstag 16 Milliarden Euro Kredit ein und finanzieren damit vollständig den Baranteil des Angebots. Die Offerte bewertet die Aventis-Aktie (auf der Basis der gewichteten Kurse im Monat vor den ersten Übernahmegerüchten im Januar) mit 68,93 Euro.

Der neue Pharmariese Sanofi-Aventis wird mit mehr als 100.000 Mitarbeitern, einem Umsatz von 25 Milliarden Euro und einem Forschungsbudget von mehr als vier Milliarden Euro in die Weltspitze rücken. Er stärkt Frankreichs Stellung als führender Anbieter von Impfstoffen. „Wir wollen um sehr große Industriepole eine echte europäische Industriepolitik bauen, in der Frankreich eine starke Rolle spielen kann“, sagte Premierminister Jean-Pierre Raffarin nach einem Strategietreffen mit 25 Industriellen in Paris. Frankreich konzentriere sich auf die strategischen Pole Luftfahrt, Kerntechnik und Pharma. Die Abwanderung der Industrie müsse gestoppt werden.

Der schweizerische Pharmakonzern Novartis, der Aventis gegen Sanofi zu Hilfe geeilt war, gestand am Montag seine Niederlage ein. Dieser Sieg „könnte sich langfristig als sehr teuer für Sanofi erweisen“, sagte Novartis-Chef Daniel Vasella der Zeitung „Monde“. Novartis hatte Presseberichten zufolge rund 55 Milliarden Euro für Aventis bieten wollen. Auch die Börse nahm die franko-französische Einigung negativ auf: Die Aventis-Aktie brach zunächst um 5 Prozent auf 62,65 Euro ein und die Sanofi-Aktie gab um 6,8 Prozent auf 52,15 Euro nach.

Schonung versprochen

Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq versprach, schonend mit den deutschen Standorten von Aventis umzugehen, das aus der Fusion der Hoechst AG mit Rhone-Poulenc hervorgegangen ist. „Eine solide Verankerung in Deutschland ist äußerst wichtig“, sagte Dehecq in Paris. „Es ist eine große Chance, ein wichtiges Forschungszentrum wie das von Aventis (in Frankfurt/Main) zu haben.“ Es werde insgesamt nur „begrenzte“ Umstrukturierungen geben. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) fürchtet allerdings, dass auch ohne Entlassungen ein bedeutender Teil der 9000 Aventis-Stellen in Deutschland verschwinden könnte. Es werde von 2000 bis 3000 Stellen gesprochen. Der Gesamtbetriebsrat von Aventis Pharma Deutschland forderte daher einen Beschäftigungssicherungsvertrag, mit dem bis 2008 betriebsbedingte Kündigungen an den deutschen Standorten ausgeschlossen werden.

Dehecq, ein Vertrauter von Staatschef Jacques Chirac, wird Chef von Sanofi-Aventis. Die Führungsgremien des nach Pfizer und GlaxoSmithKline drittgrößten Pharmakonzerns der Welt werden von Sanofi- und Aventis-Managern paritätisch besetzt und Dehecq gibt als Vorsitzender den Ausschlag. Der Aventis-Chef Igor Landau soll gehen. Seine Abfindung wurde nicht beziffert; sie soll sich nach früheren Pressespekulationen im Bereich von 22 Millionen Euro bewegen. Landau hatte sich ein Vierteljahr lang mit allen rechtlichen und politischen Mitteln gegen die Übernahme gewehrt. Die französische Regierung, die mit der Festsetzung der Pharmapreise über großen Einfluss in der Branche verfügt, hatte die beiden Konzernchefs am Freitag an einen Tisch geladen und Dehecq zur entscheidenden Nachbesserung des Angebotes gedrängt.

Der Sanofi-Chef gilt als Vertrauter von Chirac. Der soll sich, ebenso wie andere hochrangige französische Kabinettsmitglieder, aktiv in den Fusionsprozess eingemischt haben. Die Bundesregierung hatte eine neutrale Position eingenommen und wollte den Zusammenschluss offiziell nicht kommentieren. Top

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