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Produkte und Dienstleistungen für Senioren

21.02.2005  00:00 Uhr
Der ältere Kunde

Produkte und Dienstleistungen für Senioren

von Thomas Bellartz, Berlin

Immer wieder wird nur von den Gefahren des demografischen Faktors gesprochen. Dabei bietet der wachsende Anteil der älteren Bevölkerung an der Gesellschaft auch ökonomische Chancen. Die könnten auch in der Apotheke intensiver genutzt werden.

Wie die Wirtschaft, allen voran der Einzelhandel und auch die Apotheken, vom demografischen Wandel der Gesellschaft profitieren können, war das Thema einer Fachtagung, die sich kürzlich in Berlin mit seniorengerechten Produkten und Dienstleistungen beschäftigte. Auf Einladung der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt (SPD), und der Sachverständigenkommission für den Fünften Altenbericht der Bundesregierung kamen Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen, um sich über die Bedeutung der Älteren als potenzielle Kunden und über altersgerechte öffentliche und private Güter auszutauschen. Eine Ausstellung zeigte gute Beispiele erfolgreicher Produkte für die ältere Generation.

Deutlich wurde, dass sich das öffentliche Bild des Alters grundlegend ändern muss. Die größte Mehrheit der Menschen ab 60 Jahre ist heute nicht hilfs- und pflegebedürftig, sondern über lange Jahre aktiv und weitestgehend gesund. Die „rüstigen Senioren“ zeichnen sich durch eine hohe Bereitschaft zu privatem und gesellschaftlichem Engagement aus, aber auch durch eine in größten Teilen gute wirtschaftliche Lage, eine gute Ausbildung, eine hohe Konsumquote und größte Wirtschaftskraft. Das steigende Lebensalter und die wachsende Zahl älterer Menschen bieten Chancen auch für Unternehmen: Die Wirtschaft kann durch Altern der Gesellschaft gewinnen, erklärte Schmidt.

Steigende Nachfrage

Die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Nachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen lässt sich an den Ressourcen älterer Menschen ablesen: Die ältere Generation verfügt über finanzielle Ressourcen wie keine andere Generation zuvor. So besitzen 78,3 Prozent der Bevölkerung zwischen 65 und 85 Jahren Vermögen - im Vergleich zu 73,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit durchschnittlich rund 190.000 Euro liegt ihr Vermögen über dem Vermögen der Gesamtbevölkerung mit rund 178.000 Euro.

Die Anteile an Sparguthaben, Aktien und sonstige Geldanlagen bleiben bei allen Haushaltsgruppen älterer Menschen überdurchschnittlich hoch. Allein beim Aktienvermögen bewegen sich die Werte in den Altersgruppen ab 60 Jahren zwischen 24.000 und 44.000 Euro im Vergleich zu 16.000 Euro bei der Gesamtbevölkerung.

Knapp jeder und jede Zweite bewertet auch die eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Mit 94 Prozent gibt eine breite Mehrheit an, im Ruhestand mit dem Geld auszukommen. Gut jeder und jede Zweite ist mit der eigenen Lebenssituation zufrieden, weniger als jeder und jede Zehnte ist nicht zufrieden.

Daneben mehren sich Belege aus der empirischen Konsumforschung, dass Teile der älteren Bevölkerung bereit sind, vorhandenes Geld auch auszugeben, wenn das Angebot ihren Bedürfnissen gerecht wird.

Bedürfnisse oft unbekannt

Aktuelle Befragungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) ergaben, dass Senioren und Seniorinnen mit vielen Produkten Schwierigkeiten haben: 92 Prozent der Älteren haben Probleme beim Öffnen von Verpackungen. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) erklären, dass sie bei Unzufriedenheit mit der Verpackung eines Produktes zukünftig ein anderes Produkt kaufen wollen.

Bei elektronischen Haushaltsgeräten kritisieren 64 Prozent der Befragten die mangelhafte Gebrauchsanweisung, 56 Prozent bewerten die Beschriftung oder die Symbole auf dem Gerät als schlecht zu entziffern. Eine zu komplizierte Bedienung wird von 54 Prozent reklamiert. Zu kleine Schalter, Tasten und Knöpfe sehen 38 Prozent als Problem.

73 Prozent der älteren Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen sich eine Ausweitung des Angebotes von Lieferservices, zum Beispiel von Lebensmitteln. Auch bei den Dienstleistungen in der Nähe des Wohnortes sehen ältere Defizite, so zum Beispiel bei der Vielfalt an Geschäften, an Gesundheits- und Postdienstleistungen. Die Hälfte der Befragten ist bereit, mehr Geld für bessere Dienstleistungsqualität zu bezahlen.

Schmidt glaubt: „Ältere Menschen sind eine wirtschaftlich interessante Gruppe. Denn sie sind bereit, ihr Geld auszugeben - vorausgesetzt, die Wirtschaft greift ihre Interessen und Bedürfnisse stärker auf.“ Dies eröffne neue Chancen für Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze. In den Gesundheits- und Pflegesystemen könnten so durch einfache mobile Leistungen die hohen Kosten für stationäre Maßnahmen gesenkt werden.

Von bedienungsfreundlichen Produkten und serviceorientierten Dienstleistungen profitierte aber nicht nur die ältere Generation durch mehr Komfort und mehr Lebensqualität, sondern auch Menschen mit Behinderungen, Familien mit kleinen Kindern und Singles. Hier eröffnet sich für den Markt die größte Chance, mit seniorengerechten Produkten und Dienstleistungen nicht nur eine kaufkräftige, sondern sogar eine Generationen übergreifende Kundschaft zu gewinnen. „Diese Chance zu vergeben, können wir uns schlicht und ergreifend nicht länger leisten“, so Schmidt. Top

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